Die Behandlung ist noch nicht beendet

Es ist mittlerweile ein morgendliches Ritual geworden: Gleich nach dem Aufstehen springen einem die Push-Nachrichten auf dem Handy entgegen, die die neuesten Zahlen zur Coronakrise bekanntgeben. So stellte man in den letzten Tagen fest, dass man auf einem guten Weg ist, die Kurve abzuflachen. Die Zahl der Toten sinkt (unter 400 pro Tag), die Zahl der Genesenen ist höher als die der Neuinfizierten. Lediglich die vielen Infizierten im Pflegepersonal sind ein kleiner Dämpfer der sonst so erfreulichen Nachrichten. Es drängt sich nun langsam die Frage auf, wie man aus dem Lockdown wieder raus will. 

Der erste Schritt dazu erfolgt heute: Kinder unter 14 Jahre dürfen tagsüber für eine Stunde das Haus verlassen. In einigen Städten werden die Parks geöffnet, damit es leichter wird den Sicherheitsabstand einzuhalten. Als die Regierung diese Lockerung vor einigen Tagen ankündigte, war es nicht die Freude, die bei den Eltern überwog, sondern die Skepsis. Auch auf die Frage, wie sinnvoll es ist, sein Kind mit in den Supermarkt zu nehmen, gibt es keine wirklich gute Antwort. 

Gestern hat die Regierung angekündigt, dass ab dem 02. Mai Spaziergänge und Sport erlaubt werden, sofern die aktuelle Entwicklung sich fortsetzt. Diese Nachricht sollte mit noch mehr Skepsis aufgenommen werden. Zur Erinnerung: In Spanien gilt einer der strengsten Ausgangssperren in Europa. Seit fast sieben Wochen ist es nur erlaubt das Haus zu verlassen um einzukaufen, zum Arzt zu gehen oder zur Arbeit, wenn Home Office nicht möglich ist. Wenn nun Spaziergänge erlaubt werden, ist davon auszugehen, dass die Bevölkerung diese Lockerung rücksichtslos ausnutzen wird. Es wird schwierig Sicherheitsabstände in den Städten angesichts der drohenden Menschenmassen einzuhalten. Solange nicht durch genügend Tests ein genaues Bild der aktuellen Situation gezeichnet werden kann, können voreilige Lockerungen die schwer erkauften Errungenschaften der letzten Wochen zunichte machen. Schon jetzt warnen Experten vor einer zweiten Welle, die schlimmer als die erste sein könnte. Dies würde in Spanien mehr als 20 000 Tote bedeuten. 

Die spanische Regierung hat also sicherzustellen, dass die Lockerungen unter äußerster Vorsicht und exzessivem Testen durchgeführt werden. Die Gefahr, in nur wenigen Tagen auf dem Stand von vor sechs Wochen zurückzufallen, ist schlichtweg zu groß. Es ist fraglich, ob die spanische Bevölkerung eine Verschlechterung des Zustands weiter so widerstandslos mittragen würde.