Die letzten Stunden des Salvador Puig Antich

Am 02. März 1974 wurde der katalanische Anarchist Salvador Puig Antich mit der Garrotte hingerichtet. Zusammen mit dem Polen Heinz Chez1Eigentlich Georg Michael Wels (geboren in Cottbus). Als DDR-Flüchtling gab er sich bei seiner Verhaftung als Heinz Chez aus. Außerdem gab er an, 1939 in Stettin (heutiges Polen) geboren zu sein. zählt er zu den letzten Hingerichteten in Spanien. Bis zum Schluss hoffte Puig Antich auf eine Aussetzung der Todesstrafe, denn die internationalen Proteste gegen das Urteil waren massiv. 

Graffiti im Gedenken an Puig Antich auf einer Mauer in Errekaleor.
Txo/CC BY-SA 4.0

Bei einem Mitglied einer katalanischen Theatergruppe klingelte Ende 1977 das Telefon. Es meldete sich ein namenloser Herr, der nur von sich preisgab, dass er Oberstleutnant beim spanischen Heer sei. Er riet der Theatergruppe, die für den heutigen Tag angesetzte Vorstellung des Stücks “La Torna” abzusagen. In dem Stück der Theatergruppe “Els Julgars” wurde der Prozess gegen Heinz Chez pantomimisch dargestellt. Chez wurde im März 1974 zusammen mit dem katalanischen Anarchisten Salvador Puig Antich mit der Garrotte hingerichtet – einer der letzten Hinrichtungen in Spanien.

Was der Direktor der Theatergruppe, Albert Boadella, nicht ahnen konnte: Zwei Monate später sitzt er selbst vor einem Kriegsgericht – wie Chez und Puig Antich vier Jahre vor ihm. Die Anklage gegen den Direktor lautet “Beleidigung der Streitkräfte”. Ankläger ist kein geringerer als der Generalkapitän von Katalonien: Coloma Gallegos. Der Heeresminister in der Franco-Diktatur hatte auch die Todesurteile gegen Chez und Puig Antich unterschrieben.2Der Spiegel, 04/1978, S. 96

Rechtskräftig waren die Urteile im Januar 1974: Ein Kriegsgericht hatte Salvador Puig Antich zu dreißigen Jahre Haft wegen diverser Raubüberfälle auf Banken verurteilt, so wie zum Tode wegen des Mordes an einem Polizisten. Das Geld der Überfälle – mehrere Millionen Peseten – sollte weitere Aktionen der anarchistischen Bewegung Movimiento Ibérico de Liberación (MIL) finanzieren, die im Untergrund gegen die franquistische Diktatur agierten.

Sein Mitstreiter José Luis Pons, der wie Puig Antich ebenfalls Mitglieder der MIL war, wurde zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Gegen das Urteil legten die Anwälte Revision ein. So wurde das Urteil im Februar erneut geprüft.3ABC, 12.02.1974, S. 40

Zwischen Terror und Protest

Währenddessen solidarisierten sich Studenten und Menschenrechtsorganisationen weltweit mit den Verurteilten. Auch die Anwälte von Puig Antich ließen nichts unversucht: Sie stellten Kontakte mit Bischöfen und sogar dem Papst her, die Franco milder stimmen sollten. Immerhin hatte der internationale Protest in dem Prozess von Burgos gegen 16 ETA-Mitglieder noch für die Umwandlung der Todesurteile in lange Gefängnisstrafen gesorgt und damit für ein deutliches Zeichen der Schwäche der Regierung und des stark gealterten Francos.

1969 hatte er dem damaligen Prinzen und Ziehsohn Juan Carlos I. die Nachfolge übertragen; die Amtsgeschäfte hatte schließlich der spätere Ministerpräsident und Vertraute von Franco, Luis Carrero Blanco, übernommen.

Die baskische Terrororganisation ETA hatte diesen jedoch am 20. Dezember 1973 bei einem Anschlag ermordet. Es herrschte Unruhe in der Bevölkerung: Immer wieder kam es zu Streiks, an den Universitäten protestierten die Studenten. In den Jahren 1973 und 1974 wurden insgesamt über 2 000 Streiks gezählt.4Bernecker, Walther L.: Die geheime Dynamik Autoritärer Diktaturen. München 1982, S. 131

Mit Gewalt versuchte die gealterte Regierung die Ordnung wiederherzustellen.  Nach den turbulenten vergangen Monaten wollte Franco noch einmal ein Zeichen der Stärke demonstrieren. 

Schlaflose Nacht vor der Hinrichtung

Dennoch war die neue Regierung unter Carlos Arias Navarro bereit notwendige Reformen durchzusetzen. Die Exekution von Chez und Puig Antich, einen Monat nach der Ankündigung von Reformen, warf jedoch kein gutes Licht auf die neue Regierung, wie der Historiker Stanley G. Payne anmerkte.5Payne, Stanley G.: The Franco Regime 1936 – 1975. London 1987, S. 596 Am 01. März wurde Oriol Aura, eine der Anwälte von dem verurteilten Anarchisten, in das Gefängnis “Modelo” nach Barcelona gerufen – die Revision wurde von der höchsten Instanz des Kriegsgericht abgelehnt.

Um 21:40 Uhr wurde Puig Antich in Anwesenheit seines Anwalts mitgeteilt, dass er am nächsten Morgen gegen 10:00 Uhr auf der Garrotte hingerichtet werden würde. Laut den späteren Angaben Auras, habe der Verurteilte die Nachricht mit deutlicher Nervosität entgegengenommen, jedoch trug er es mit Fassung und Würde. Während Puig Antich insgesamt drei Abschiedsbriefe an seinen größeren Bruder Joaquin, seiner Freundin, sowie seine geliebten Onkel schrieb, versuchte Aura noch einmal alle Kräfte in Bewegung zu setzen, um den internationalen Druck auf Franco und sein Regime zu erhöhen.

Puig Antichs Schwestern begleiteten ihn durch seine letzte Nacht und verließen ihn erst am nächsten Morgen gegen halb acht wieder. Auf Anraten des Anwalts teilten sie ihrem schwerkranken Vater die Nachricht von der Hinrichtung seines Sohnes mit, so dass er es am nächsten Tag nicht aus der Presse erfahren müsste. 

Einen Priester wollte der verurteilte Anarchist nicht empfangen. Dennoch bat sein ehemaliger Universitätsprofessor, ein salesianischer Priester, um ein Gespräch. Puig Antich stimmte dem zu. Um drei Uhr morgens trafen die beiden aufeinander. Zu diesem Zeitpunkt machte der zum Tode Verurteilte bereits einen deutlich nervösen Eindruck. Sein Anwalt Aura verließ immer wieder die Zelle um Neuigkeiten über mögliche Strafmilderungen einzuholen, doch er kehrte jedes Mal mit leeren Händen zurück.

Die Hoffnung Puig Antichs, noch im letzten Moment vor dem sicheren Tod gerettet zu werden, schwand jede Minute. Der Anwalt konnte lediglich erreichen, dass er bei seinem Mandanten bis 9:15 Uhr bleiben konnte. Nachdem Schwestern und Priester aus der Zelle verschwunden waren, drehten sich die letzten Gespräche zwischen Anwalt und Mandant über aktuelle Politikgeschehnisse. Das Warten auf die Hinrichtung, so Aura später, wünsche er nicht einmal seinem schlimmsten Feind. 

Der Moment des Abschieds kam näher. Aura und Puig Antich umarmten sich für drei Minuten ehe der Anwalt die Zelle verließ. Der Anarchist ahnte, dass es für eine Aussetzung des Urteils nun zu spät sei. Wenige Augenblicke später wurde er mit der Garrotte hingerichtet. Etwa zur selben Zeit wurde auch Heinz Chez in Tarragona ermordet. Aura sah den Leichnam seines Mandanten ein paar Stunden nach der Hinrichtung. An der Beerdigung zwei Tage später auf dem Südostfriedhof in Barcelona konnte er, wie so viele andere, nicht teilnehmen, da ihm der Zutritt untersagt wurde.6El Ciervo, Volume 23, No. 241, 1974, S. 10 Heinz Chez wurde am selben Tag in Tarragona beigesetzt.7ABC, 05.03.1974, S. 18

Von der Garrotte auf die Leinwand

In den Tagen nach der Hinrichtung von Puig Antich und Chez kam es erneut zu Protesten an den spanischen Universitäten. Vor allem in Katalonien, wo das Urteil als besonderer Angriff auf die Katalanen gewertet wurde, riefen studentische Gruppen zum Streik auf. “Die Arbeit der Dozenten war heute gleich null, obwohl der Unterricht ganz gewöhnlich anfing”, schreibt ABC über die Vorfälle in Barcelona. In der medizinischen Fakultät blockierten die Studierenden den Eingang. Die Polizei sorgte dafür, dass die Protestierenden ganz ohne Zwischenfälle verschwanden.

Auch an den Universitäten in Madrid, Valencia, Zaragoza und Bilbao streikten die Studierenden, so dass Unterricht kaum möglich war. In Granada kam es bei einer Studierendenversammlung zu zwei Verhaftungen.8ABC, 05.03.1974, S. 18

32 Jahre nach Puig Antichs Tod wurden die letzten Jahre seines Lebens filmisch verewigt: In dem Film “Salvador” (2006) spielt der in Barcelona geborene Schauspieler Daniel Brühl den zum Tode verurteilten Anarchisten. Der Film wurde im Original sowohl auf spanisch und in katalan gedreht, was eine Förderung durch die Generalitat unmöglich machte, wie Regisseur Manuel Huerga verriet. Die zweisprachige Version entspräche der damaligen Realität, so Huerga. Für den Rest Spaniens, wurde der katalanische Part auf spanisch synchronisiert. Ein Umstand, der in einigen Szenen wenig Sinn ergibt, ähnlich der Synchronisation amerikanischer Kriegsfilme, in denen sowohl Amerikaner als auch Deutsche dieselbe Sprache sprechen.

Zudem verneint Huerga in seinem Film jegliche Verbindung Puig Antichs zum katalanischen Nationalismus. Vielmehr hätte die Unabhängigkeitsbewegung versucht, Puig Antich einzuvernehmen. Dazu stellt der Regisseur fest: “Wenn es etwas gibt, dass gegen Nationalismus ist, dann der Anarchismus”9Arizona Journal of Hispanic Cultural Studies, Volume 11, 2007, S. 194f