Die Bombadierung von Guernica – Tod eines unschuldigen Dorfes

Guernica war nicht das erste baskische Dorf, das von den Nationalisten bombadiert wurde. Bereits am 22. Juli 1936 wurde das Zentrum von Otxandiano im Süden von Viscaya Opfer eines Bombenangriffs, bei dem 84 Personen ums Leben kamen, darunter auch Kinder. Am 31. März 1937 wurde das Dorf Durango von der italienischen Luftwaffe dem Erdboden gleichgemacht. Doch die Bombadierung von Guernica ging aus verschiedenen Gründen als Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges in die Geschichtsbücher ein.

Bombadierung von Guernica
In weniger als drei Stunden waren von Guernica nur noch Ruinen übrig.
Bundesarchiv, Bild 183-H25224/Unknown author/CC-BY-SA 3.0

George Steer war so schnell es ging von Bilbao nach Guernica gereist, nachdem er die schrecklichen Nachrichten gehört hatte: Das baskische Dorf wurde am Vortag in Schutt und Asche gelegt. Der britische Korrespondent hatte das Glück, dass ihn die baskische Regierung ohne Einschränkungen durch das republikanische Territorium reisen ließ.1Preston, Paul: We Saw Spain Die – Foreign Correspondents in the Spanish Civil War. London 2008, S. 318 – 322

Noch bevor er am Montag, 26. April 1937 gegen elf Uhr abends in Guernica ankam, sah er aus über zehn Kilometer Entfernung den Rauch in den Himmel aufsteigen. Bei seiner Ankunft brannten die Gebäude aus Holz und Ziegeldächern noch immer lichterloh. Sofort macht sich Steer an die Arbeit um zu rekonstruieren, was am Vortag in Guernica passiert war.

Angriff am Markttag

Der 26. April 1937 war ein Montag und ein Markttag. Neben den Bauern und Einwohnern, war die Stadt auch mit Kriegsflüchtigen gefüllt. Historiker gehen davon aus, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs rund 10 000 Menschen in Guernica befanden.2Preston, Paul: We Saw Spain Die – Foreign Correspondents in the Spanish Civil War. London 2008 Gegen 16:30 Uhr, als immer noch Menschen Richtung Markt drängten, läuteten plötzlich die Kirchturmglocken, die vor näher kommenden Flugzeugen warnten.

Laut den Berichten von Steer flüchteten die Menschen in die Gräben und Luftschutzkeller. Ein deutscher Bomber kreiste schließlich über das Dorf und warf sechs schwere Bomben in Richtung des Bahnhofes ab.3Steer, George: The Tragedy of Guernica – Town Destroyed in Air Attack – Eye Witness’s Account. The Times , 28. April 1937 Dass die ersten Bomben in Bahnhofnähe fielen, bestätigt auch Hochwürden Alberto Onaindía:

Wir kamen in der Nähe des Bahnhofs vorbei, als wir eine Bombenexplosion hörten; ihr folgten unmittelbar zwei weitere. Ein Flugzeug, das sehr tief flog, warf seine Ladung ab und flog weg, und das alles in wenigen Sekunden. Es war die erste Kriegserfahrung von Guernica. Die Panik der ersten Momente schockierte die Einwohner und die Bauern kamen auf den Markt. Wir beobachteten eine beträchtliche Aufregung.4Onaindía, Alberto: Hombre de paz, Buenos Aires 1974, S. 238
Alberto Onaindía
Augenzeuge

Wenige Minuten später fielen bereits die nächsten Bomben. Zuerst erschienen kleinere Flugzeuge, die flächenmäßig Handgranaten und 250 Kilogramm schwere Bomben auf Guernica fallen ließ. Nachdem die verängstigte Bevölkerung den Bomben so schnell wie möglich entkommen wollte, zogen Heinkel He51 Jäger auf und beschossen die flüchtenden Menschen mit Maschinengewehren, so dass diese wieder in ihre Schutzkeller getrieben wurden.

Als das Dorf bereits in Ruinen lag, warfen zwölf Flugzeuge schwere Spreng-, Splitter- und Brandbomben ab, die Guernica in ein Flammenmeer verwandelten. Da die Wasserleitungen massiv beschädigt wurden, konnten die Brände nicht gelöscht werden. Während der Angriffe waren die von Todesangst erfüllten Schreie der Bevölkerung zu hören. Manche beteten vor lauter Hilflosigkeit und andere gestikulierten wild in Richtung der Flieger.5Onaindía, Alberto: Hombre de paz, Buenos Aires 1974, S. 238ff

Die Angriffe endeten gegen 19:45 Uhr. Da es keine Luftabwehr im Dorf gab, war die Bevölkerung den deutschen Bombern der Legion Condor schutzlos ausgeliefert. Den einzigen Schutz, den die Bevölkerung in diesen Augenblicken hatte, war der geistliche Beistand der baskischen Kleriker, die während des Angriffs unermüdlich für die Bevölkerung betete, schreibt Steer in seinem Bericht.6 Steer, George: The Tragedy of Guernica – Town Destroyed in Air Attack – Eye Witness’s Account. The Times , 28. April 1937

“Noch nie fühlte ich mich so schutzlos und wehrlos als Opfer wie an jenem 26. April 1937. Guernica brannte. In den ersten zwei Stunden nahmen wir nicht viele Flammen wahr, weil es Tag war und der Rauch die Brände verdeckte. Aber als wir in die Stadt eindringen wollten, konnten wir nicht viele Schritte machen, ohne uns von dem Rauch und den Flammen erstickt zu fühlen, die anfingen, alle Wohnungen zu verzehren. Viele Menschen versammelten sich vor der Ansammlung von Häusern. Einige weinten, andere beteten, und nicht wenige betrachteten das Schauspiel versteinert vor Entsetzen und Angst.”7Onaindía, Alberto: Hombre de paz, Buenos Aires 1974, S. 240.
Alberto Onaindía
Augenzeuge

Laut Angaben der baskischen Regierung wurden bei dem Bombenangriff mehr als 1 000 Menschen getötet. Diese Zahl galt jedoch als umstritten. Vielmehr gehen Historiker aktuell von 200 bis 300 Toten aus.8Preston, Paul: The Destruction of Guernica. London 2012

Internationale Reaktionen

Als der exkommunizierte baskische Bischof Mateo Múgica am nächsten Tag von der Bombadierung Guernicas erfuhr, schrieb er seinen ehemaligen spanischen Kollegen und Bischöfen in ganz Europa einen Brief. Zu dem Zeitpunkt befand er sich nämlich im römischen Exil, nachdem er sich in der Vergangenheit durchaus positiv zur baskischen Unabhängigkeit geäußert hatte. In dem Brief betonte Múgica, dass die baskischen Kinder die größten Opfer der Tragödie seien. Sein Schreiben zeigte Wirkung: Prälate in Frankreich, England, Belgien und Schweiz boten an Kinder aufzunehmen.9Legarreta, Dorothy: The Guernica Generation – Basque Refugee Children of the Spanish Civil War. Reno 1984, S. 65

Dass die Bombadierung Guernicas überhaupt außerhalb Spaniens bekannt wurde, ist den vielen internationalen Korrespodenten wie George Steer zu verdanken. Sein ausführlicher Bericht über die Zerstörung Guernicas wurde bereits am 28. April in The Times und der New York Times veröffentlicht. Ein kürzerer Artikel von seinem Kollegen Christopher Holme war am Tag zuvor im Glasgow Herald und dem Guardian zu lesen. Die Berichte lösten ein internationales Echo aus. In den USA wurde Steer sogar als Zeuge in das Repräsentantenhaus geladen um über die Beteiligung deutscher Bomber auszusagen.10Preston, Paul: We Saw Spain Die – Foreign Correspondents in the Spanish Civil War. London 2008, S. 318 – 322

Steers ausführlicher Augenzeugenbericht wurde sogar auf französisch in der kommunistischen Tageszeitung L’Humanité gedruckt. Nun gibt es zwei Versionen, wie Pablo Picasso über die tragischen Ereignisse in seinem Heimatland informiert wurde. Einerseits soll Picasso Steers Bericht am 29. April in L’Humanité gelesen haben.11van Hensbergen, Gijs: Guernica – The Biography of a Twentieth-Century Icon. London 2004, S. 45 Andererseits spricht Alain Serres davon, dass Picasso die Bilder des zerstörten Dorfes am 01. Mai in der Tageszeitung Ce Soir gesehen haben soll. Die Zeitung wurde ein paar Monate zuvor von einem seiner Freunde, Louis Aragon, gegründet.12Serres, Alain: And Picasso Painted Guernica. Alexander St Crows Nest 2010, S. 20

Beide Versionen müssen sich jedoch nicht widersprechen: Steers Artikel wurde ohne Bilder gedruckt, während die Titelseite der Ce Soir die ersten Bilder des zerstören Guernica zeigte. Jene Bilder, gepaart mit den ausführlichen und nüchternen Beschreibungen von Steer, inspirierten wohl Picasso zu seinem bekanntesten Werk, das er für die Weltausstellung in Paris im Auftrag der republikanische Regierung anfertigte.

Eine Kopie des bekannten Picasso Bildes kann man in Guernica selbst betrachten. Das Original ist im Kunstmuseum Reina Sofia in Madrid zu sehen.
Christoph Pleininger/Alerta

Die Frage nach der Schuld

In den Berichten von George Steer war bereits am 28. April 1937 von deutschen Bombern die Rede. Aufgrund des drohenden Propagandadisasters wurde die Führung in Berlin nervös. Immerhin war man im August 1936 dem Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens beigetreten.

Am 04. Mai 1937 schrieb der damalige NS-Botschafter in London, Joachim von Ribbentrop, an das Außenministerium in Berlin, man möge Franco dazubringen, energisch und scharf zu bestreiten, dass deutsche Flieger Guernica angegriffen haben. Ein Pressestatement Francos, mit der Lüge, dass die Basken mit Benzin selbst das Dorf angezündet hätten, wurde am nächsten Tag veröffentlicht.

Gut eine Woche später schrieb Adolf Hitler an von Ribbentrop, dass eine internationale Untersuchung der Vorkommnisse in Guernica unter allen Umständen zu vermeiden sei.13Thomas, Gordon & Witts, Max Morgan: Guernica – The Crucible of World War II. Briarcliff Manor 1975, S. 12f

Die Lüge der Nationalisten ließ sich jedoch nicht so einfach in die Geschichtsbücher schreiben, auch wenn zu Beginn die Darstellung Steers durchaus kritisch gesehen wurde. Schließlich war sie aber auch der Schlüssel dazu, dass in Großbritannien ein langsames Umdenken in Bezug des Krieges stattfand.14Preston, Paul: We Saw Spain Die – Foreign Correspondents in the Spanish Civil War. London 2008, S. 318 – 322 Mittlerweile steht zweifelsfrei fest, dass die Legion Condor mit Hilfe der italienischen Luftwaffe Guernica am 26. April 1937 dem Erdboden gleichgemacht hat.

“Bombenlöcher auf den Straßen noch zu sehen, einfach toll. – Stadt war völlig gesperrt für mindestens 24 Stunden, es war die geschaffene Voraussetzung für einen großen Erfolg, wenn Truppen nur nachgerückt wären. So nur ein voller technischer Erfolg unserer 250er u. EC. B.1.”15Maier, Klaus A.: Guernica 26.04.1936: Die deutsche Intervention in Spanien und der Fall “Guernica”. Freiburg 1975, S. 55
Tagebucheintrag von Oberstleutnant Wolfram Freiheer von Richthofen
Stabschef der Legion Condor

Unter den renomiertesten Historikern, die im 20. Jahrhundert über den spanischen Bürgerkrieg forschten, besteht genereller Konsens, dass die Zerstörung Guernicas bewusst in Kauf genommen wurde. Immerhin gehört das Dorf zu dem ersten Ort der Weltgeschichte, das durch einen Luftangriff komplett zerstört wurde.16Preston, Paul: The Spanish Civil War. London 2008, S.270

Hinzu kommt die Frage, inwiefern Guernica aus militärischer oder strategischer Sicht überhaupt wichtig war. Die baskische Front war über zwanzig Kilometer von dem Dorf entfernt. Zwei Kasernen und eine Munitionsfabrik befanden sich außerhalb des Dorfes. Einige Historiker verweisen darauf, dass es sich bei Guernica um einen Rückzugspunkt der baskischen Truppen handelte. Somit sei die Brücke, die offizielles Ziel der Angriffe gewesen sein soll, ein legitimes militärisches Ziel.17Caballero Jurado, Carlos: The Condor Legion – German Troops in the Spanish Civil War. Oxford, S. 26

Die Brücke hat den Bombenangriff jedoch unbeschadet überstanden, während das Dorf im Flammenmeer versank. Auch dafür finden einige Historiker eine Begründung: Nach dem ersten Angriff sei die Sicht aufgrund des starken Rauches zu schlecht gewesen um die Bomben präziser abzuwerfen.18Maier, Klaus A.: Guernica, Fakten und Mythen. in: German Studies Review Vol. 18/No. 3. S. 466

Dies mag aus militärischer Sicht einleuchtend sein, dennoch bleiben einige Fragen offen: Warum waren für die Zerstörung der Brücke 50 Tonnen an Spreng-, Splitter- und Brandbomben notwendig? Warum wurde der Angriff aufgrund der schlechten Sicht nicht nach der ersten Welle abgebrochen? Warum wurde der Markttag am 26. April für den Angriff ausgewählt, wenn es nicht primär um zivile Opfer ging?

Dem Versuch der Legion Condor, die Moral der Bevölkerung im hart umkämpften Baskenland durch Bombenterror zu brechen, wurde von General Franco höchstpersönlich zugestimmt.19Preston, Paul: The Destruction of Guernica. London 2012

Gernikako Arbola: Der Eichenstumpf hatte den Angriff auf Guernica überstanden.
Christoph Pleininger/Alerta

Zudem handelt es sich bei Guernica um einen äußerst wichtigen Ort für die Basken. Die Eiche von Guernica ist ein Symbol für die Freiheit des baskischen Volkes, deren Unabhängigkeitsbestreben die spanischen Nationalisten mit allen Mitteln verhindern wollten. Interessanterweise hat die Eiche den Bombenangriff unbeschadet überstanden. Selbiges gilt auch für das baskische Parlamentshaus, neben dem die Eiche gepflanzt ist.20Thomas, Hugh: The Spanish Civil War. New York & Toronto 1989, S. 606

Guernica: Ort des Friedens und der Forschung

Es dauerte sechzig Jahre bis die Bundesrepublik Deutschland offiziell den deutschen Angriff als solchen anerkannte. Besonders die Arbeit der Grünen-Politikerin Petra Kelly war für die Aussöhnung mit Guernica wichtig. Bereits 1987 besuchte sie als erste deutsche Politikerin das baskische Dorf.

“Ich bin heute hier, und ich bin Deutsche, und ich schäme mich für das, was hier am 26. April 1937 geschah. Am 26. April 1937, vor fast fünfzig Jahren, bombardierten Flugzeuge der deutschen Luftwaffe, die mit Franco verbündet waren, diesen Ort in Euskadi.”21Niebel, Ingo: Petra Kelly y Guernica. in: VII. Jornadas Internacionales de Cultura y Paz. 1997
Petra Kelly
18. April 1987

Im selben Jahr entstand das Friedensforschungszentrum in Guernica. Forscher*innen arbeiten dabei mit sozialen Organisationen und Bildungseinrichtungen zusammen um die Friedenskultur voranzutreiben. Außerdem gibt es seit 1997 ein eigenes Friedensmuseum in der Dorfmitte, das insbesondere die Bombadierung Guernicas in das Zentrum der Ausstellung rückt. Die Bedeutung des Friedens in dem Ort wurde durch die Ernennung zum europäischen Friedensort durch die UNESCO enforciert. Einen friedvolleren Ort wird man in Spanien kaum finden.