Maiereignisse in Barcelona (1): Vorspiel der Tragödie

Die Maiereignisse (03. Mai – 07. Mai 1937) waren eines der zentralen Vorkommnisse zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges. Die ideologischen Differenzen der republikanischen Kräfte entluden sich in einem “Krieg im Krieg”: Regierung und moskautreue Kommunisten gegen Anarchisten und trotzkinahe Kommunisten. Doch den Ereignissen geht eine lange Vorgeschichte voraus, in der sich die Spannungen über Monate aufgebaut hatten.

Die Partido Obrero de Unficación Marxista (POUM) im Jahre 1936

Am 28. August 1936 kam der russische Diplomat Marcel Rosenberg in Madrid an. Dort übernahm er die sowjetische Botschaft und war somit die Schnittstellte zwischen der spanischen Republik und der Sowjetunion. Das Amt des Generalkonsuls in Barcelona ging an den Bolschewiken Vladimir Antonov-Ovseenko. Auch wenn die diplomatischen Beziehungen der beiden Länder langsam Form annahmen, geht der Historiker Stanley G. Payne davon aus, dass Stalin und die Sowjetführung zur selben Zeit erst eine genaue Spanienstrategie entwickeln mussten.1Payne, Stanley: The Spanish Republic, The Soviet Union, And Communism. New Haven & London 2004, S. 127

Situation in Katalonien

Es stellte sich jedoch bald heraus, dass die sowjetischen Botschafter durchaus Interesse entwickelten, sich in militärische oder politische Angelegenheiten der republikanischen Regierung einzumischen. Die Partido Comunista de España (PCE) hatte zu diesem Zeitpunkt weder in der spanischen Republik noch in Katalonien einen großen Einfluss, jedoch mit der Sowjetunion einen mächtigen Verbündeten, der die Republik mit Waffen versorgte. Somit musste die Sowjetführung mit einer klugen Strategie den kommunistischen Einfluss vergrößern. Dies gelang, in dem man sich neben der PCE auch der Partit Socialista Unificat de Catalunya (PSUC) bemächtigte.2Sochy, Augustin: The Tragic Weeks in Barcelona 1937. in: The May Days Barcelona 1937, Chicago 1987, S. 25

Diese war erst im Juli 1936, kurz nach dem Putsch, aus Sozialisten, Kommunisten und andere linke Arbeiterbewegungen in Katalonien entstanden.3Hermet, Guy: The Communists in Spain – Study of an Underground Movement. Westmead & Lexington 1973, S. 25 Die Nähe zur UGT entstand zum einen, da die Gewerkschaft aus der PSOE entstanden war und zum anderen, da die UGT mit der kommunistischen Gewerkschaft CGTU seit Gründung der Frente Popular enger zusammenarbeitete.

Als kommunistisches Gegenstück zur PSUC fungierten die trotzkinahen Kommunisten der Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM). Die politische Situation in Katalonien wurde jedoch spürbar aus der Zentralregierung gelenkt. Im Dezember ’36 schrieb Stalin einen Brief an den sozialistischen Ministerpräsidenten Largo Caballero (PSOE), in dem er ihm einen politischen Ratschlag überbrachte: Statt die Revolution zu unterstützen, solle er das Kleinbürgertum schützen. So hoffte Stalin, dass die westliche Demokratien ihre Nicht-Intervention überdenken würden.4Peirats, José: Prelude to the May Days. in: The May Days Barcelona 1937. Chicago 1987, S. 12 – 15

“Wir waren in einer Situation, in der wir uns in einem bewaffneten Kampf befanden, und es gab keine Kontroverse zu diesem Thema: Revolution oder Krieg. Es war mir klar, dass, wenn wir den Krieg nicht gewinnen, keine Revolution möglich sein wird.”5Carrillo, Santiago: Dialogue on Spain. London 1976, S.49
Santiago Carrillo
Partido Comunista de España

Für die POUM, sowie die anarchistische Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und die Federación Anarquista Iberica (FAI), kam dies nicht in Frage. Sie vertraten die Ansicht, dass man den Krieg gegen die Nationalisten nur über die Revolution gewinnen könne. Im Oktober hieß es beispielsweise von der POUM:

“Wir kämpfen nicht für die demokratische Republik. Ein neuer Tag bricht an, der die sozialistische Republik ist!” 6La Révolution espagnole, 1. Jahrgang, Nr. 6, 14.10.1936
Andreu Nin
Partido Obrero de Unificación Marxista

Der politische Konflikt war somit vorprogrammiert. Doch noch befand sich die PSUC in einer denkbar schlechten Position.

Vorbereitungen zur Krise

Die Regionalregierung in Katalonien bestand seit Ende des antifaschistischen Milizkomitees aus Esquerra Republicana Catalana (ERC), PSUC, POUM und der CNT. Den Regierungschef stellte die ERC mit Lluís Companys und Premier Josep Tarradellas. Während die CNT vier Ministerien inne hatte, stellte die POUM lediglich den Justizminister in Person von ihrem Gründer Andreu Nin. Die Kontrolle auf den Straßen lag faktisch in den Händen der Milizen, die als patrouillierende Sicherheitskräfte eingesetzt wurden. In Barcelona waren sie wiefolgt aufgeteilt:7Souchy, Augustin: Beware! Anarchist!. Chicago 1991, S. 97

  • CNT/FAI: 325 Personen
  • ERC: 185 Personen
  • UGT: 145 Personen
  • POUM: 45 Personen

Im November 1936 kam es schließlich zu einer Annäherung zwischen CNT und UGT. Man einigete sich auf ein minimales Grundsatzprogramm, was die Kommunisten als Anlass nahmen, eine große Verschwörung der Gewerkschaften an die Wand zu malen. Das Manöver konnte eingeleitet werden.

“Zuerst Barcelona, dann Zaragoza”

Am 24. November 1936 präsentierte die PSUC den Regierungsmitgliedern der CNT ein Dokument, in dem sie den Ausschluss der POUM aus der Regionalregierung Kataloniens forderten. Diese stimmte dem Vorhaben nicht zu.8Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 410 Drei Tage später veröffentliche der sowjeische Generalkonsul Antonov-Ovseenko ein Schreiben, in dem er der Parteizeitung der POUM (La Batalla) vorwarf, sich dem “internationalem Faschismus” zu verkaufen. Es folgte eine kalkulierte Regierungskrise, die laut dem spanischen Anarchisten José Peirats nur ein Ziel hatte: Die Eliminierung der POUM aus der Regierung.9Peirats, José: Prelude to the May Days. in: The May Days Barcelona 1937. Chicago 1987, S. 15

Die PSUC forderte am 12. Dezember öffentlich zur Lösung der Krise den Ausschluss der POUM aus der Regierung und die Verdrängung des Secretariado de Defensa und der Junta de Seguridad – beides CNT-Posten. Letztere war für die patrouillierende Milizen zuständig, die in Katalonien mit der offiziellen Polizei (Guardia de Asalto) konkurrierten.

Es war im Interesse der PSUC die Milizen aus dem Sicherheitsapparat zu entfernen und die Polizei zentral zu steuern. Vorerst gab sie sich jedoch zufrieden die POUM aus der Regierung zu werfen, was am 16. Dezember auch aufgrund einer vorherigen Unterrednung des sowjetischen Generalkonsuls mit dem Regionalpräsident Lluís Companys geschah. Die PSUC überließ am Ende der CNT ihre Posten und kündigte an, sich selbst aus der Regierung zurückzuziehen. Personell änderte das jedoch wenig: Die PSUC-Minister saßen nun für die UGT in der Regierung.

Anschuldigungen und Propaganda

In den nächsten Wochen spitzte sich die Situation weiter zu. Parteichef Juan Comorera (PSUC) befahl als Versorgungsminister die Auflösung der regionalen Komitees, die für die Aufteilung der Güter zuständig waren. Die Preismonopole wurden abgeschafft, zum Unbehagen der Anarchosyndikalisten.10Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 410 – 416

Als Folge stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel. In manchen Fällen wurden die Lebensmittel sogar bewusst zurückgehalten. Nach Protesten der Bevölkerung wurde den Anarchisten die Schuld für die Preissteigerungen und die Lebensmittelknappheit in die Schuhe geschoben.11Peirats, José: Prelude to the May Days. in: The May Days Barcelona 1937. Chicago 1987, S. 16

Noch im Dezember wurde der von den Anarchisten gehasste Eusebio Rodríguez Salas zum Polizeichef von Katalonien ernannt.12Alexander, Robert: The Anarchists in the Spanish Civil War. London 2007, S. 786 Die PSUC und UGT forderten schließlich offiziell die Auflösung der Milizen und die Eingliederung in eine einheitliche Polizeieinheit und der republikanischen Armee. Im Februar ließ die PSUC verlauten:

“Wir haben wiederholt gesagt, dass es ohne eine reguläre Armee, ohne ein einziges Kommando, ohne Disziplin und ohne revolutionäre Ordnung keine Möglichkeit zum Sieg gibt.”13Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 418

Der POUM im speziellen warfen die Kommunisten vor, als Trotzkisten heimlich mit den Faschisten zu paktieren. Ihr Ziel sei es gewesen, einen Krieg im Krieg innerhalb der republikanischen Zone zu entfachen und so die Frente Popular zu zerstören.14Ibárruri, Dolores: Historia del Partido Comunista de España. Paris 1960, S. 150

Im Februar musste schließlich Francisco Largo Caballero seinen Platz räumen und Juan Negrín wurde mit Stimmen der PSOE und PCE zu seinem Nachfolger bestimmt. Grund für den aus kommunistischer Sicht notwendigen Wechsel war Largo Caballeros Widerstand zur Gründung einer Einheitspartei, wie es ihm Stalin in einem zweiten Brief vorgeschlagen hatte.15Peirats, José: Prelude to the May Days. in: The May Days Barcelona 1937. Chicago 1987, S. 12

Zur selben Zeit war das Vertrauen zwischen Anarchisten und Kommunisten an einem Tiefpunkt angelangt. Seit Beginn des Jahres 1937 kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen der beiden Gruppen. Am 05. März versuchte eine Gruppe Kommunisten zwölf Panzer aus einem anarchistischen Depot zu stehlen, was jedoch endgültig misslang und aufflog. Das CNT-Blatt Solidaridad Obrera schrieb zwei Tage später:

“Wenn diese Panzer nicht gestohlen wurden, um sie an die Front zu bringen, was war dann der Sinn einer so brillanten Operation? Wir vermuten hierin eine Skizze diktatorischer Absichten, gegen die wir uns, wie ihr alle wisst, sofort erheben würden.”16Peirats, José: Prelude to the May Days. in: The May Days Barcelona 1937. Chicago 1987, S. 17

Zur Beunruhigung der Anarchisten wurde im Frühjahr 1937 die Existenz von geheimen sowjetischen Gefängnissen bekannt, sogenannten “Chekas”. Eine ungewöhnliche Allianz bildete sich für kurze Zeit: PSOE und CNT protestierten gegen die Foltergefängnisse. In Castilla Libre, einem weiteren CNT-Blatt, hieß es dazu:

“Wir haben uns nicht und werden uns nicht widersetzen, dass ein Faschist, wer auch immer er ist, erschossen werden soll. Aber wir werden uns immer gegen Folter widersetzen. In Murcia wurden nicht nur Faschisten gefoltert, sondern auch Einzelpersonen, die revolutionären Organisationen und Volksfrontparteien angehören, wurden dort sadistisch gequält in dem berühmten heimlichen Gefängnis. Und sogar ein Genosse von der CNT (…) erlitt eine schreckliche Folter, bei dem sie ihm die Augen ausstachen bevor sie seinen von Wunden übersäten Leichnam verschwinden ließen.”

Von einer Krise zur nächsten

Im März musste schließlich die katalanische Regierung den Beschluss fassen, dass die Milizen unter Kommando des zentralspanischen Kriegesministeriums gestellt werden. Aus Protest haben tausende Anarchisten ihren Posten an der Front verlassen. Es folgte eine erneute Regierungskrise, bei der die CNT versuchte ihre Unabhängigkeit größtmöglich beizubehalten.

Die PSUC ging jedoch noch einen Schritt weiter und forderte schließlich den schnellen Aufbau einer regulären Volksarmee als Teil der republikanischen Armee, die Verstaatlichung der Kriegsindustrien, Bildung einer einzigen internen Sicherheitsgruppe und Abgabe aller Waffen in die Hände der Regierung.17Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 419 – 422 Auch die ERC befürwortete Ende März die Bildung einer einheitlichen Polizeieinheit. Der endgültige Schlusspunkt war für die Anarchisten erreicht, als sie ihre Waffen abgeben mussten. Sie traten am 26. März 1937 aus der Regierung aus.18Thomas, Hugh: The Spanish Civil War. New York 1989, S. 637

Die folgende Regierungskrise dauerte vorerst bis zum 03. April 1937, als Companys eine Notregierung, bestehend aus sechs Ministerien, zusammenstellen konnte.19Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 419 – 422 Zwei Wochen später, am 16. April, kehrte die CNT wieder zurück an den Regierungstisch, nachdem die Parteien und Gewerkschaften ihre Waffen behalten durften.20Thomas, Hugh: The Spanish Civil War. New York 1989, S. 637

Doch der vermeintliche Frieden währte nur kurz: Am 24. April versuchten Unbekannte den Polizeichef Rodriguez Salas zu töten, doch das Attentat scheiterte.21Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 425

Der Streit eskaliert

Am nächsten Tag wurde der PSUC-Sekretär Roldán Cortada ermordet. Die PSUC beschuldigte Anarchisten den Mord begangen zu haben. Der spanische Anarchist José Peirats verneint dies jedoch und geht davon aus, dass Stalinisten Cortada aus einem Fahrzeug aus erschossen haben. Cortada war früher in der anarchistischen Bewegung aktiv und die CNT hätte sich kaum an “Überläufer” gerächt, so Peirats.

Allerdings diente der Mord an Cortada als Vorwand, die Repressionen gegen die Anarchisten weiterzuführen. Es wurden Hausrazzien durchgeführt und Anarchisten verhaftet, obwohl kaum Beweise gegen sie vorlagen. Die Beerdigung Cortadas wurde als große Propagandakundgebung angelegt, bei der laut Peirats auch Polizei und Armee teilnahmen. Die mehrstündige Demonstration skandierte Parolen gegen den “inneren Feind” – den Anarchisten.22Peirats, José: Prelude to the May Days. in: The May Days Barcelona 1937. Chicago 1987, S. 19ff

Am Tag der Beerdigung Cortadas wurde der anarchistische Bürgermeister Antonio Martín und drei weitere Anarchisten ermordet. Republikanische Soldaten, die aus der neuen Hauptstadt Valencia geschickt wurden, lösten schließlich die Milizen an der Front ab. Gespräche zwischen UGT und CNT zu einer gemeinsamen Kundgebung am 01. Mai wurden abgebrochen.23Bolloten, Burnett: The Spanish Civil War – Revolution & Counterrevolution. Chapel Hill & London 1991, S. 425ff Spannung lag in der Luft, die sich schon bald in den tragischen Maiereignissen entladen sollte.

“In Barcelona lag während all der letzten Wochen, die ich dort verbrachte, ein eigenartig böses Gefühl in der Luft – eine Atmosphäre des Misstrauens, der Angst, der Ungewissheit und des verschleierten Hasses…. es herrschte ein immerwährendes vages Gefühl der Gefahr, ein Bewusstsein für etwas Böses, das unmittelbar bevorsteht. Wie wenig man sich auch verschworen hatte, die Atmosphäre zwang einen dazu, sich als Verschwörer zu fühlen.”24Davison, Peter: George Orwell – A Literary Life. Houndsmill & New York 1996, S. 83
George Orwell