Tod eines Dichters: Die Ermordung von Federico García Lorca

In den 30er Jahren war der andalusische Dichter und Dramatiker Federico García Lorca auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er war kurz davor nach Mexiko aufzubrechen und sein Werk La Casa de Bernarda Alba fertigzustellen. Doch der spanische Bürgerkrieg beendete seine Pläne und sein Leben.

Mit der Theatergruppe La Barraca ging Lorca in der Republikzeit auf Tournee durch ganz Spanien

Mit einem lauten “Silencio!” betritt Bernarda Alba ihr Haus nach der Beerdigung ihres Mannes. Sofort schickt sie das Dienstmädchen weg und sagt zu der restlichen Gruppe, die sich im Haus eingefunden hat: “Die Armen sind wie Tiere. Es scheint, als seien sie aus etwas anderem gemacht.”

Der erste Akt des Dramas “La Casa de Bernarda Alba” von Federico García Lorca ist eine unmissverständliche Darstellung der spanischen Gesellschaft der 30er Jahre. In einem Interview mit der spanischen Zeitung El Sol im Jahr 1934 betonte Lorca, dass er “moderne Stücke” schreiben möchte, über “die Zeit in der wir leben”.1García Lorca, Federico & Edwards, Gwynne: La Casa de Bernarda Alba. London 1998, S. XXV

Diese Zeit war politisch aufgeladen: Ab Februar 1936 regierte eine linke Volksfrontregierung mit knapper Mehrheit, doch die spanische Rechte war ähnlich organisiert. Im Hintergrund konspirierten die Militärs, was ein offenes Geheimnis war. Sie wollten zurück zu einer “repressiven Welt der sozialen Konventionen”, wie der Übersetzer Gwynne Edwards die Welt der Bernarda Alba charakterisiert. 2García Lorca, Federico & Edwards, Gwynne: La Casa de Bernarda Alba. London 1998, S. XXIX

Böse Vorahnung

Als Lorca das Drama am 19. Juni 1936 fertiggestellte, hielt er es für das beste, was er je geschrieben hatte. “Keine Poesie! Purer Realismus” frohlockte der stolze Lorca. Von dem Realismus des Stückes wurde er jedoch bald eingeholt. Inwiefern Lorca politisch war, ist umstritten. Er war ein Profiteur der Republik und der liberaleren Gesellschaftsordnung. Von der Welt der konservativen und autoritäten Mittel- und Oberschicht zeigte er sich nicht nur aufgrund seiner Homosexualität entfremdet, denn er kannte diese Schichten zu gut.

Vielmehr hatte Lorca einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, der ihn zwar in die Nähe der sozialistischen Partei brachte, doch er selbst lehnte jegliches parteipolitisches Bekenntnis ab. Selbst in seinem letzten Interview mit der spanischen Zeitung El Sol ließ er eine Frage zu Kommunismus und Faschismus streichen. Nicht, dass Lorca Anti-Kommunist war, jedoch lehnte er eine genaue Positionierung stets ab. Maria Delgado geht davon aus, dass besonders Lorcas Engagement in der Theatergruppe La Barraca dafür sorgte, dass er in der Öffentlichkeit als linker Autor wahrgenommen wurde. 3Delgado, Maria M.: Federico García Lorca. London & New York 2008, S. 26

Er verkehrte aber in den politischen Kreisen und bekam so Informationen aus erster Hand, die äußerst beunruhigend waren. “Die Frente Popular fällt auseinander”, sagte Fernando de los Rios (PSOE) bei einem Abendessen mit Lorca. Der Poet zeigte sich besorgt über die Lage und dem wachsenden Faschismus. Er fürchtete besonders Gewaltexzesse.

Trotz der drohenden Gefahr wollte Lorca den Sommer bei seinen Eltern in Granada verbringen, obwohl ihn nahe Freunde von der Idee abbringen wollten. “Nirgends bist du so sicher wie in Madrid”, entgegnete ihm etwa der PSOE-Politiker Fulgencio Diáz Pastor. Doch der Poet ließ nicht sich von seinem Plan abbringen. In der Nacht zum 14. Juli fuhr er mit den Zug nach Granada. 4Gibson, Ian: Federico García Lorca – A Life. New York 1989, S. 441 – 445

Granada

Dort angekommen, konnte Lorca seinen Namenstag am 18. Juli mit seiner Familie feiern. Da sein Vater mit Vornamen auch Federico hieß, war dieser Tag ein besonderer. Das Haus der Familie trug den Namen “Huerta de San Vicente” und war seit Kindestagen ein wichtiger Ort für Lorca. Sein Zimmer war im ersten Stock und von seinem Balkon aus hat er einen wundervollen Ausblick auf die Felder und die Sierra Nevada.

Zum Feiern war Lorcas Familie am 18. Juli 1936 wenig zumute: Berichte von einem Aufstand in Marokko machten die Runde. Am nächsten Tag kamen die ersten Berichte aus Sevilla an und am 20. Juli traf der Putsch der Nationalisten auch Granada. Der Bürgermeister der Stadt war der Sozialist Dr. Manuel Fernandez Montesinos und Lorcas Schwager. Zusammen mit seiner Schwester und den drei Kindern erfuhr der Poet von Montesinos Verhaftung.

Die Präsenz der Falangisten machten Lorca zunehmend Sorgen. Zudem hatte er das Gefühl, dass sie nach ihm suchen würden. Jeden Tag sah er um dieselbe Uhrzeit die gleichen Männer vor dem Haus stehen. Wie sich jedoch herausstellte, waren die unbekannten Männer nicht auf der Suche nach ihm, sondern nach dem Hausmeister der “Huerta de San Vicente”. So kam es am 09. August 1936 zu einem folgenschweren Vorfall: Da sie den wegen Mordes verdächtigen Hausmeister nicht auffinden konnten, banden die Falangisten dessen Bruder Gabriel an einen Baum und peitschten ihn aus. Lorca versuchte einzuschreiten, wurde jedoch zu Boden geschlagen. Dabei wurde er als “Schwuchtel” beschimpft. 5Gibson, Ian: The Death Of Lorca. Chicago 1973 . S. 82 – 85

Bei den Rosales

Lorca Biograph Ian Gibson geht davon aus, dass spätestens zu diesem Zeitpunk die Nationalisten von Lorcas Aufenthalt in Granada wussten. Der Poet bekam es mit der Angst zu tun und entschied sich Unterschlupf bei seinem Freund Luis Rosales zu suchen. Dessen Brüder José und Antonio waren ranghohe Falange-Mitglieder – eine perfekte Tarnung.

Federico erörterte die verschiedenen Möglichkeiten, die ihm offen standen, und ich stellte mich ihm zur Verfügung. Die Möglichkeit, Federico in die republikanische Zone zu bringen, wurde diskutiert. Ich hätte dies relativ leicht tun können und hatte es bereits mit anderen Leuten getan – und hatte sie aus der republikanischen Zone zurückgebracht. Aber Federico lehnte ab. Der Gedanke, ganz allein in einem Niemandsland zwischen den beiden Zonen zu sein, machte ihm Angst. […] Er sagte, dass er lieber zu mir nach Hause kommen würde.”6 Gibson, Ian: Federico García Lorca – A Life. New York 1989, S. 452
Luis Rosales
Lorcas Freund

Tatsächlich nahm ihn die Rosales Familie auf. Nun war Lorca zwar vorerst sicher, aber den Preis den er dafür zahlen musste war seine Freiheit. Somit erging es ihm ähnlich wie den von ihm erschaffenen Töchtern von Bernarda Alba.

Bei den Rosales konnte Lorca etwas entspannen: In sein Zimmer stellten sie ein Klavier, so dass er etwas musizieren konnte. Außerdem unterhielt er sich oft mit dem 26-jährigen José, der mehr oder weniger zufällig zu den Falangisten gekommen war. Ansonsten versuchte Lorca sich seine Zeit mit dem Radio oder Zeitungslesen zu vertreiben. 7Gibson, Ian: Federico García Lorca – A Life. New York 1989, S. 451 – 455

Die Festnahme

Eine Festnahme Lorcas konnte jedoch nicht verhindert werden. Ruiz Alonso war federführend für die Verhaftung des verhassten Poeten verantwortlich. Als sie an der Türe der Rosales klopften, war neben Lorca nur Esperanza Rosales zu Hause, die sich den Falangisten mutig entgegenstellte. Die zivile Regierung möchte den Poeten zu ein paar Dingen befragen, sagte Alonso. Jeder Widerstand war zwecklos. Laut Augenzeugenberichten stand Lorca kurz vor einem Kollaps – er wusste wohl, was ihm blühte.

Bei seiner Verhaftung trug er graue Hosen, ein Hemd mit einer losen Krawatte. Die Rosales Familie versuchte sofort alle Kontake und Verbindungen zu nutzen um Lorca zu befreien. Luis Rosales legte Beschwerde ein und stellte schriftlich fest, dass sein Freund “politisch ungefährlich” sei. Doch Alonso erhob schwere Vorwürfe gegen Lorca: Er sei ein russicher Spion.

Die Famliie Lorcas erfuhr noch am selben Tag von seiner Verhaftung. Außerdem wurde ihnen mitgeteilt, dass Manuel Fernandez Montesinos hingerichtet wurde. Sämtliche Interventionen und Versuche der Rosales waren vergeblich. An dieser Stelle stellt Ian Gibson die besondere Rolle von Gouvernor José Valdés voran. Er hätte, so der britische Lorca-Biograph, als einziger die Freilassung Lorcas befehlen können. Doch Valdés sah in Lorca einen subversiven Autor, der ein perveses Privatleben führte. Mit der Anordnung, dass man dem Poeten “viel, sehr viel Kaffee” geben sollte, war Lorcas Schicksal besiegelt. 8Gibson, Ian: Federico García Lorca – A Life. New York 1989, S. 457 – 464

2015 wurden franquistische Dokumente aus den 60er Jahren entdeckt, die bestätigen, dass Lorca verhaftet wurde, weil er “Sozialist” und “Freimaurer” sei und als Homosexueller “abnormale Praktiken” durchführe. Er habe dies gestanden.9Kassim, Ashifa: Federico García Lorca was killed on official orders, say 1960s police files. The Guardian, 23.04.2015

Ermordung Lorcas

In der Nacht zu 18. August sah Ricardo Rodríguez Jiménez, wie sie seinen Freund Lorca mit Handschellen abführten. Es war kurz nach drei Uhr, als der Poet nach Ricardo rief. Viele Jahre später beschrieb Rodríguez die Szene wiefolgt:

“Seine rechte Hand war mit Handschellen an die eines Schulmeisters aus La Zubia mit weißen Haaren gefesselt. “Wo bringen sie dich hin?”, frage ich ihn. Lorca sagte nur “Ich weiß es nicht”. Er kam aus dem Gebäude der Zivilregierung, umgeben von Wachen und Falangisten, die der “Schwarzen Truppe” angehörten, darunter einer, der aus der Zivilgarde geworfen worden war und sich den Mördern anschloss. Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Jemand steckte eine Waffe in meine Brust. Ich schrie: “Mörder! Ihr wollt ein Genie töten! Ein Genie! Ihr werdet ein Genie töten! Mörder!” Ich wurde verhaftet und in das Gebäude der Zivilregierung gebracht. Sie sperrten mich zwei Stunden lang ein und ließen mich dann wieder raus.”10 Gibson, Ian: Federico García Lorca – A Life. New York 1989, S. 463 – 464
Ricardo Rodríguez Jiménez
Freund von Lorca

Die genauen Umstände von Lorcas Ermordung sind bis heute nicht genau bekannt. Ian Gibsons Theorie, dass Lorca mit anderen Gefängenen in die “Villa Concha” gebracht wurde, die unter den Falangisten zu “La Colonia” wurde, gilt als glaubwürdig. In der umgebauten Villa wurden die Gefangenen in der Regel einen Tag vor ihrer Hinrichtung untergebracht. Erst als sie eingesperrt waren, wurde ihnen mitgeteilt, dass man sie in den frühen Morgenstunden erschiessen werde.

Zuvor bestand jedoch die Möglichkeit zu beichten. Jover Tripaldi, der den Gefangenen die schreckliche Nachricht über ihren nahenden Tod mitteilte, erinnerte sich Jahre später, dass Lorca beichten wollte. Der Priester hatte “La Colonia” jedoch bereits verlassen. Laut Tripaldis Berichten soll der Poet etwas panisch gewirkt haben, worauf er ihm antwortete, dass Gott ihm seine Sünden auch im Gebet verzeihen würde. Anschließend soll er sich etwas beruhigt haben.11Gibson, Ian: Gibson, Ian: Federico García Lorca – A Life. New York 1989, S. 464 – 467

Es gibt wenig bis keine Augenzeugenberichte über Lorcas letzte Stunden. Viele davon wurden erst Jahre später in Rahmen von Interviews aufgezeichnet und können dementsprechend viele Fehler enthalten. Einige der Gibson Interviews wurden sogar ohne vorheriger Einwillung der Gesprächspartner:innen aufgezeichnet.12Vila-San-Juan, José Luis: García Lorca – ASESINADO: toda la verdad. Barcelona 1975, S. 36

Somit ist der genaue Todesort von Lorca bis heute unbekannt. Gibson vermutet, dass Lorca in der Nähe eines Waldes, nördlich von Víznar und Alfacar erschossen wurde. Dies wurde auch etwa von Agustín Penón bestätigt, der ebenfalls über Lorcas letzte Tage recherchierte.13Valverde, Ferdinand: Un libro aporta datos sobre el asesinato de García Lorca. El País, 01.06.2005

In den oben angesprochenen Dokumenten wird ebenfalls bestätigt, dass Lorca in der Nähe von Fuente Grande erschossen wurde und in einem “sehr flachen Grab in einer Schlucht” beerdigt worden sei. Somit gab das Franco-Regime zu, dass sie Lorca bewusst ermordert haben, obwohl Franco nach dem Krieg beteuerte: “Der Schriftsteller starb, als er sich unter die Rebellen mischte, das sind natürliche Kriegsunfälle.”14Kassim, Ashifa: Federico García Lorca was killed on official orders, say 1960s police files. The Guardian, 23.04.2015

Die Überreste des großen spanischen Poeten hat man bis heute nicht gefunden. Doch lebendig ist er nach wie vor in den Bibliotheken dieser Welt zu finden.