Wie der spanische Komiker Miguel Gila (vielleicht) einst schlecht exekutiert wurde

Die Sketche von Miguel Gila sind in Spanien ungefähr so populär wie “Die Nudel” von Loriot in Deutschland. Um die Leute zum Lachen zu bringen brauchte er nur ein Telefon. Gilas Monologe sind von einer sympathischen Naivität gekennzeichnet, die oft ins Surreale abdriften. Ebenso surreal wirkt eine Episode seines Lebens, die seine letzte hätte sein können: Eine Hinrichtung im spanischen Bürgerkrieg. 

“Gestern Nacht haben sie uns exekutiert, aber schlecht”
Miguel Gila

Schon vor dem Putsch am 17./18. Juli 1936 war Miguel Gila Mitglied der Juventudes Socialistas Unificadas beigetreten, eine zusammengeführte Jugendorganisation der Sozialisten und Kommunisten, die sich in jener Zeit politisch angenähert hatten. Noch im Juli meldete sich der 17-jährige Gila freiwillig im 5. Regiment der republikanischen Armee unter der Leitung des kommunistischen Generals Enrique Líster.

Die Kunst des schlechten Hinrichtens

Eines Tages im Dezember wurde er gefangen genommen und sollte von den Putschisten am Abend hingerichtet werden. Doch das Exekutionskommando bestand aus Mauren, die vom Wein bereits deutlich betrunken waren. Ohne jeglichen Befehl gaben sie 14 Schüsse auf die Gefangenen ab, von denen kein einziger ihr Ziel traf. Dennoch ließen sich die Todgeweihten auf den vom Regen vollkommen durchnässten und kalten Boden fallen. Sie stellten sich tot und konnte anschließend vor den betrunkenen Mauren fliehen.1Gila, Miguel: Y entonces nací yo: memorias para desmemoriados. Madrid 1995

“Ich glaube, das heißt, ich bin mir sicher, dass meine politische Identität im Jahre 1938 endete, an der Front von Extremadura, als ich […] meinen Ausweis der Juventudes Socialistas zerriß […]” schreibt Gila in seiner Autobiographie weiter. Bis zum Mai 1939 war er in einem Gefangenenlager in Valsequillo interniert, später durchlief er noch weitere Gefängnisse, wo er unter anderem auch die Bekanntschaft mit dem spanischen Poeten Miguel Hernández machte. Nach dem Miguel Gila aus dem Gefängnis entlassen wurde, arbeitete er als Fräser im Flugzeugbau in Getafe.2Gila, Miguel: Y entonces nací yo: memorias para desmemoriados. Madrid 1995

Alles nur erfunden?

So lautet zumindest seine Sichtweise auf sein Leben, die jedoch durchaus umstritten ist. Kurz nach dem Tod von Miguel Gila im Jahr 2001, veröffentlichte der Schriftsteller Ángel Palomino in der spanischen Zeitung ABC einen Artikel, in dem er Gila für sein humoristisches Werk ehrt, aber gleichzeitig mit einigen Mythen seiner Autobiographie aufräumen wollte. “Gila wurde von niemanden – weder betrunken noch nüchtern- exekutiert. Er war nie im Gefängnis und auch kein politischer Exilant”.

Gila ging nämlich 1962 nach Argentinien mit der Begründung, dass er das franquistische Regime nicht mehr aushalten könne. Für Palomino waren die Memoiren Gilas nichts weiter als Geschichten, die sich der Humorist ausgedacht hatte, ähnlich seinen Monologen. Als Beispiel nennt Palomino die Geburt Gilas, die der Humorist  in einem Radiostück wie folgt schildert: “Miguel Gila wurde alleine geboren, weil seine Mutter das Haus verließ um die Nachbarin um etwas Petersilie zu bitten. Er ging zur Pförtnerin und sagte zu ihr: “Hör mal! Ich wurde gerade geboren und meine Mutter ist nicht im Haus. Ich bin ein Kind!”.3Palomino, Ángel: Gila. ABC, 28.07.01

Außerdem bezweifelt Palomino, dass Miguel Gila im fünften Regiment tätig war. Beim Gedenken an die Kommunistin Dolores Ibárruri (La Pasionaria), erklärte Gila: “Ich habe mich in die Milicias Populares einschreiben lassen und kam glücklicherweise in das 13. Regiment, Battalion Pasionaria”. Für all diese Geschichten gebe es keine Beweise, argumentiert Ángel Palomino.4Palomino, Ángel: Gila. ABC, 28.07.01 Unterstützt werden seine Thesen durch den Umstand, dass Gila als Zeichner relativ unbeschadet im franquistischen Spanien publizieren konnte. Zudem soll Francos Frau Carmen Polvo Gefallen an dem Humor des antifaschistischen Komikers gefunden haben.

Solange es keine eindeutigen Dokumente gibt, die die Wahrheit endgültig ans Licht bringen, lässt sich nur spekulieren, ob Miguel Gila einst nur schlecht hingerichtet wurde. Seine Komik und Pointen spielen jedoch immer wieder auf die Themen Krieg und Gewalt an. So heißt es in seinem bekanntesten Stück, in dem er einen Funker an der Front spielt, der versucht im Gefecht zu telefonieren: “Hören Sie? Ist da der Feind? Können Sie den Krieg mal für einen Moment unterbrechen?”