Der Pakt von San Sebastián und seine Folgen

In einem Treffen am 17. August 1930 einigten sich sämtliche republikanische Kräfte Spaniens auf den Umsturz der Monarchie – wenn nötig, mit Gewalt. Der “Pakt von San Sebastián” wurde die Grundlage der Zweiten Republik.

Das revolutionäre Komitee am 17. August 1930 in San Sebastián
Foto: El Correo (CC BY-SA 4.0)

Spaniens König Alfonso XIII. stand 1930 vor einem großen Problem: Das Land war unregierbar geworden. Mit dem Ende der Militärdiktatur von Primo de Rivera entstand ein Machtvakuum, das er partout nicht füllen konnte. Seine Hoffnung, das Land in eine “verfassungsmäßige Normalität” zurückzuführen, legte er in General Dámaso Berenguer, den er im Januar 1930 zum Ministerpräsidenten ernannt hatte.

Doch die politische Grundlage, auf die sich die Monarchie in den Jahren zwischen der ersten spanischen Republik (1874) bis zum Putsch Primo de Riveras (1923) verlassen konnte, war zerstört: Die konservative und liberale Partei, sowie die spanische Mittelschicht, die sich langsam vom Monarchen abgewandt hatten und nun mit einer republikanischen Staatsform sympathisierten. Erschwerend kam für Alfonso XIII. hinzu, dass Spanien de facto ohne Verfassung war.1Casanova, Julián: The Spanish Republic and Civil War, New York 2010, S.11 Diesen Umstand griff der Jurist Mariano Gómez auf und forderte, dass die konstituierende Macht nun lediglich vom Volk ausgehen könne.2 Julia, Santos: La Constitución 1931. Madrid, 2009, S. 13  

Das “revolutionäre Komitee” formiert sich 

Die republikanischen Parteien arbeiteten bereits zu Zeiten der Militärdiktatur eng zusammen. 1926 wurde die Alianza Republicana gegründet, die von der ältesten republikanischen Partei (Partido Radical) geleitet wurde. Die Entfremdung von Großgrundbesitzern und Industrialisten waren auf schwerwiegende wirtschaftliche Entscheidungen Primo de Riveras zurückzuführen, wie der Zusammenbruch der Peseten im Jahre 1928. Zudem sah das katalanische Bürgertum ihre separatistischen Interessen nicht repräsentiert.3Preston, Paul: The Spanish Civil War. New York & London 2007, S. 36 Der Bruch einiger konservativer Monarchisten mit Alfonso XIII. war spätestens im Frühjahr 1930 deutlich: Aus konservativen und liberalen Kreisen entstand eine rechtsliberale republikanische Partei.

“Eine lebensfähige und konservative Republik, die in der Lage ist, die politischen Kräfte der Mittelschicht und der intellektuellen Elite zu regieren und anzuziehen – das ist die Republik, die ich anrufe, der ich diene und die ich verteidige.”4Payne, Stanley G.: Alcalá-Zamora and the Failure of the Spanish Republic 1931–1936. Portland 2017, S. 19
Niceto Alcalá-Zamora
Derecha Liberal Republicana

Den Kern des spanischen Republikanismus bildeten ab 1930:

  • Partido Radical (liberal)
  • Acción Republicana (links-demokratisch)
  • Partido Republicano Radical Socialista (sozialistisch)
  • Derecha Liberal Republicana (rechtsliberal)
  • Esquerra Republicana de Catalunya (Separatisten, links)
  • Organización Republicana Gallega Autónoma (Separatisten, links)

Am 17. August 1930 trafen sich sämtliche republikanische Parteien in San Sebastián und gründeten in einer Konferenz das revolutionäre Komitee. Sie einigten sich in einem Pakt darauf, die katalanische Unabhängigkeitsfrage zu behandeln, sowie Vorbereitungen zu treffen um die Monarchie zu stürzen und anschließend die Republik zu proklamieren. Ihr Erfolg hing jedoch an der Frage, ob die PSOE und die parteinahe Gewerkschaft UGT die revolutionären Pläne unterstützen würde.5Casanova, Julián: The Spanish Republic and Civil War. New York 2010, S.12 

Die PSOE im Zwiespalt

Die PSOE fand sich zu Beginn der 30er Jahre erneut an einem Scheideweg: Passte sie sich während der Militärdiktatur dem Regime an und konnte so einem Verbot entgehen, wurden nun radikalere Stimmen laut. Der Marxist Julán Besteiro war seit 1925 Parteipräsident und der Flügel um ihn nahm das Angebot des revlutionären Komitees nicht sonderlich ernst. Zwar waren zwei Sozialisten bei dem Treffen in San Sebastián anwesend, jedoch aus privatem Interesse und nicht als Repräsentanten der Partei. Die PSOE war sich einig, dass die Revolution sozialistisch sein müsse. Darum bestand der marxistische Flügel darauf, dass das Bürgertum selbst für eine bürgerliche Revolution zuständig sei.6Preston, Paul: The Coming Of The Spanish Civil War – Reform, Reaction and Revolution in the Second Republic. New York 1978, S.20

Wohlwissend, dass man auf die Unterstützung der Sozialisten angewiesen war, stellte das revolutionäre Komitee zwei Ministerposten für die PSOE in Aussicht. Dafür müsste die UGT einen Generalstreik in Madrid organisieren. Die Aussicht auf Regierungsteilnahme ließ vor allem den Generalsekretär der Partei, Francisco Largo Caballero, aufhorchen. In einem erneuten Treffen der PSOE und UGT im Oktober 1930, wurde über die Möglichkeiten einer Teilnahme an dem Putsch gesprochen.

Largo Caballero tendierte nun zu dem Generalstreik. Der britische Historiker Paul Preston geht davon aus, dass Largo Caballero die Unzufriedenheit der Parteibasis mit der Parteiführung spürte, so dass er vom Hintergrund aus die Führung übernahm.7Preston, Paul: The Coming Of The Spanish Civil War – Reform, Reaction and Revolution in the Second Republic. New York 1978, S.21 Schließlich stimmte der Parteivorstand mit acht zu sechs für die Annahme der mittlerweile drei Ministerposten, sowie die Ausrufung eines Generalstreiks.

Die Armee läuft über

Das Ende der Primo de Rivera Diktatur ließ nicht nur spanische Mittelschicht enttäuscht zurück, sondern auch die Armee. Bei unzufriedenstellenden politischen Situationen hatten Staatstreiche Tradition. Das Regime Primo de Riveras ist 1923 auf diese Weise entstanden. Im Juni 1926 (Sanjuanada) putschten Generäle gegen die Militärdiktatur und scheiterten.

Ein Grund für die Unzufriedenheit der Militärs lag in den versuchten Reformen Primo de Riveras begründet. Das Beförderungssystem der Armee sollte beispielsweise standardisiert werden. Ein Teil der spanischen Armee setzte ihre Hoffnung auf die republikanische Bewegung, so dass ohne Monarch notwendige Reformen von allen Seiten des progressiven Spektrums umgesetzt werden könnten.8Preston, Paul: The Spanish Civil War. New York & London 2007, S. 36f

Kapitän Fermín Galán, der für seine Teilnahme am Sanjuanada Putsch vier Jahre im Gefängnis verbrachte, gehörte zum Kreise dieser Militärs. Er hatte zusammen mit Ángel García Hernandez Beziehungen zu katalanischen Anarchisten und Offizieren, die bereits konspirativ Pläne für einen Umsturz der Monarchie planten.

Der gescheiterte Putsch

Dieser sollte, wie vom revolutionären Komitee geplant, am 15. Dezember 1930 erfolgen. Doch Kapitän Fermín Galán schlug bereits am 12. Dezember in Jaca los. Der Militärgouverneur wurde festgenommen, die Infrastrukturen übernommen, sowie jeglicher Widerstand mit Gewalt unterdrückt. Um 11 Uhr morgens wurde die spanische Republik ausgerufen. Anarchistische Gruppen riefen zum Streik in Huesca und Saragossa auf, nach dem Truppen nach Huesca geschickt wurden. Doch Offiziere der 5. Militärregion konnten den Aufstand niederschlagen. Ángel García Hernández wurde in Saragossa festgenommen und Galán musste sich ergeben. Beide wurden am 14. Dezember zum Tode verurteilt und erschossen.9Casanova, Julián: The Spanish Republic and Civil War. New York 2010, S.16

Der eigentliche Aufstand am 15. Dezember scheiterte ebenfalls, unter anderem da der geplante Generalstreik der UGT in Madrid nie zu Stande kam. Nach dem Fiasko in Jaca hatte sich die Artillerie von den Putschplänen verabschiedet. Die Sozialisten gingen davon aus, dass die Offiziere allgemein die Pläne begraben hatten. Zwei Generäle schlugen wie geplant am 15. Dezember los, bemerkten ihre aussichtslose Lage jedoch, als der Generalstreik ausblieb.10Preston, Paul: The Coming Of The Spanish Civil War – Reform, Reaction and Revolution in the Second Republic. New York 1978, S.22

Vom Scheitern zum Triumph

Auch wenn ein Großteil des revolutionären Komitees verhaftet wurde, hatte der gescheiterte Putsch langfristige Folgen. So gehen einige Historiker davon aus, dass die pro-republikanischen Kräfte tatsächlich Sympathien gewinnen konnten. Auch Alfonso XIII. musste einsehen, dass General Berenguer die “verfassungsmäßige Normalität” nicht zurückbringen konnte. Im Februar ernannte der König Admiral Juan Bautista Aznar zum neuen Ministerpräsidenten.

Um die Stimmung zu testen, wurden für den 12. April 1931 Kommunalwahlen angekündigt. Die Sicherheit der Monarchisten, den alten Machtapparat zu nutzen um die Wahlen zu gewinnen, wurde nach Bekanntwerden der ersten Ergebnisse aus den Städten zerschlagen. In 41 der 50 Provinzhauptstädte haben die pro-republikanischen Parteien gewonnen.