Das Ende der DDR – Gespräch mit Ralf Hron (DGB)

Als junger linker Gewerkschafter wollte Ralf Hron eine gerechtere und demokratischere DDR. Nach dem Mauerfall beobachtete er, wie sich der Staat langsam begann aufzulösen. Im wiedervereinigten Deutschland versuchte er die Schäden für die ostdeutschen Arbeitnehmer:innen so gering wie möglich zu halten.

Ralf Hron (DGB)
Ralf Hron hat als Gewerkschafter das Ende der DDR miterlebt
DGB

Ralf Hron ist DGB-Regionsgeschäftsführer in Südwestsachsen. Aufgewachsen in Ost-Berlin, war er ab 1983 Mitglied der Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Im Gespräch mit Alerta erinnert sich Hron an die Wendezeit zurück.

Herr Hron, beginnen wir das Gespräch mit einer klischeehaften Frage: Wo waren Sie, als am 09. November 1989 die Mauer fiel? 

Das ist eine Geschichte der Geschichten. Damals war ich ein junger Volontär der Gewerkschaftszeitung Die Tribüne. Ich war einer von drei Volontären in der ganzen DDR, die nicht in der SED waren. Ich musste mein Abitur auf einer Abendschule machen. Mein Bereich in der Zeitung war eigentlich der Sport. Noch aus meiner Abiturzeit kannte ich eine Frau, deren Mann nach West-Berlin abgehauen war. Als ich dann am 09. November die Pressekonferenz hörte, konnte ich mir nicht ganz erklären, was der Schabowski da erzählte.

Also bin ich zu der Frau hingefahren und wir haben versucht von einem Telefon, das an der Hausmauer draußen festgemacht war, nach West-Berlin zu telefonieren. Das dauerte normalerweise, man musste mehrmals wählen. Während wir versuchten in den Westen zu telefonieren, kommt ein Typ vorbei und rief: “Hey, die machen die Bornholmer auf!”.

Wir haben ihre Tochter beim Nachbarn abgegeben und sind sofort in ein Taxi eingestiegen um zur Bornholmer Brücke zu gelangen. Der Taxi-Fahrer meinte noch: “Ihr kommt da nicht durch.” Zwanzig Minuten später standen wir in West-Berlin. Ich schätze, dass wir maximal ne halbe Stunde nach Grenzöffnung mit dem ersten großen Schwall, den man auch aus den Videos kennt, in den Westen rüber sind.

Natürlich war man am Anfang etwas besorgt, ob die einen wieder zurück lassen, aber wir wollten unbedingt nach West-Berlin. Dort haben wir dann den Mann der Frau angerufen, der uns dann den Weg zu ihm mit der U-Bahn erklärt hat. Es war alles sehr aufregend, weil wir ja noch nie in West-Berlin waren. Wir haben uns dann in der Bismarckstraße getroffen und es fand die verrückteste Feier meines Lebens statt, zusammen mit ein paar ehemaligen DDR-Bürgern, die abgehauen waren. 

Der 09. November 1989 war die Klimax der Entwicklung der DDR. Wirtschaftlich sah es nicht gut aus und immer mehr Menschen flüchteten im Herbst über Drittländer. Die DDR blutete förmlich aus. Haben die Bürger:innen mitbekommen, wie schlecht es um den Staat wirklich stand?

Man hat davon sehr viel mitbekommen. Ich bin mit 14 Jahren das erste Mal nach Rumänien und im selben Jahr nach Moskau. Dort hab ich die großen Widersprüche kennengelernt und es war um die Zeit, in der ich eine Anti-Haltung gegenüber der DDR entwickelt habe. In Rumänien habe ich Hunger richtig erlebt. Es gab Menschen, die dort nichts zu essen hatten. In Moskau war die Gesellschaft total verknöchert. Meine Gastgeberin war eine Jüdin und die erzählte mir einiges über die russische Geschichte, die wir so nicht kannten: Die Verfolgung unter Stalin, die Erschießung von tausenden Menschen. 1981 habe ich das erste Mal gehört, dass Stalin Millionen von Menschen umgebracht hat. Das war für mich vorher nur unter dem Faschismus vorstellbar. Dass die Kommunisten jedoch selbst so gehandelt haben, das war mir nicht bewusst. 

Ich würde generell die letzten zehn Jahre der DDR als fast totale Agonie beschreiben. In den entsprechenden Kreisen, bis hin zur späteren Bürgerbewegung, in der ich mich auch engagierte, wurde bis zum Schluss hoch und runter diskutiert. Über die OSZE Schlussakte in Helsinki, was man in der DDR besser und menschlicher machen könnte, und so weiter. 1985/86 gab es schließlich diesen Aufbruch in der Sowjetunion mit Glasnot und Perestroika und genau zu diesem Zeitpunkt war ich in Russland. Das war für uns eine Offenbarung. Es wurden Privatbetriebe zugelassen, es wurden Kooperativen gemacht, es gab kreative Ausstellung, man beschäftigte sich intensiv mit Stalin und seinen Verbrechen. Es war ein ideeller Aufbruch. In der DDR bewegte sich nichts.

Wie war die Situation zu diesem Zeitpunkt in der DDR?

Die Führung hat immer betont, dass sie die Öffnung nicht brauchen. Es wurde zwischen den Jahren 1985 bis 1989 jedoch immer drastischer und die Widersprüche größer. Auch wenn die Versorgungslage für mich nicht so entscheidend war, war an dieser Stelle spürbar, das etwas nicht funktionierte. Mich ärgerte mehr die Unfreiheit und Glasnost und Perestroika bedeuten ja Offenheit, dass man über die Dinge auch offen sprechen kann, was in der DDR nur in privaten Räumen möglich war. Es gab viele Gespräche, auch mit meinen Eltern, die oftmals anstrengend waren und richtig weh taten, weil man darauf hingewiesen hat, was alles für ein Mist passierte.

Als dann 1987/88 der Sputnik verboten wurde, war der Ofen total aus. Der Sputnik war eine sowjetische Zeitschrift, die im DIN-A5 Format erschien, in der man Nachrichten über Russland lesen konnte. Wie viele andere, habe auch ich die Behörden angeschrieben, um mich zu beschweren. Eine Art SED Kommando hat mich dann auf ein Gespräch in ihre Kreisleitung eingeladen. Später erfuhr ich, dass sie von der Stasi waren. Da wurde dann total schräg diskutiert. Ich habe mir ja Kopien vom Sputnik besorgt und die Stasi-Männer rhetorisch auseinandergenommen, weil die einfach totale Scheiße erzählt haben. 

Englische Ausgabe des Sputnik anlässlich des 60. Geburtstages der Sowjetunion

Es brodelte also in der DDR. Was brachte das Fass im Jahr 1989 zum Überlaufen?

Das Jahr fing mit einer wahllosen Verhaftung zur Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Demonstration im Januar an. Einige Schüler sind bei der Kundgebung mitmarschiert und haben bei der Gedenkstätte der Sozialisten Friedrichsfelde in Ost-Berlin ein eigenes Transparent hochgehalten. Die wurden dann brutal verhaftet. Das war der erste große Streich. Als dann später die Jugendlichen in die Botschaft abgehauen sind und Honecker sagte, dass er ihnen keine Träne nachweint, sorgte das für Unmut in der DDR.

Mein ganzes Leben werde ich mich auch daran erinnern, als auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking Demonstranten mit dem Panzer niedergefahren wurden. Hans-Dieter Schütt, ein ganz übler Zeitgenosse, hat in der Jungen Welt einen doppelseitigen Artikel geschrieben und ein komplett verdrehtes Bild gemalt, dass die Demonstranten alles Konterrevolutionäre gewesen seien, die Kommunisten umbringen wollten. Das sind nur ein paar Beispiele aus dieser Zeit. 

Sie haben deutlich gemacht, dass Sie sich in der DDR unwohl gefühlt haben. Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, in den Westen zu flüchten?

Den Gedanken hatte ich sehr oft. Ich habe sogar mit Freunden Fluchtpläne entworfen, wie wir am besten über die bulgarisch-griechische Grenze abhauen können oder über den Flughafen Moskau-Scheremetjewo. Dort konnte man von Ost-Berlin einfliegen und anschließend nach West-Berlin ausfliegen. Das wäre der Plan gewesen. Schlussendlich habe ich es aber nicht gemacht, weil ich Angst um meine Familie hatte und im Knast zu landen.

Sie sind also in der DDR geblieben und haben sich im Herbst ’89 dem frisch gegründeten „Neuem Forum“ angeschlossen.

Das war reiner Zufall. Ich habe über eine Freundin im August ‘89 Bärbel Bohley kennengelernt und am selben Tag habe ich mich ins Neue Forum eingeschrieben. Im September begann mein Volontariat und der Chef hat über die Jugendlichen, die aus der DDR abhauen, gehetzt. Da war er bei mir schon unten durch. Zur Eröffnung des Volontariats gab es eine Einladung des Journalistenverbands und da sagte ein Redakteur zu mir: “Tu mir einen Gefallen und halt deine Schnauze. Halt unbedingt den Mund, sonst müssen wir dich feuern”.

In diesen Tagen habe ich mit Bärbel Bohley ein Interview gemacht. Die hat mich ausgelacht und gesagt, dass das sowieso nie gedruckt werden würde. Ich meinte, dass wir das abwarten sollten und sie es mich einfach probieren lassen soll. Über einen Freund habe ich das Interview der Zeitung angeboten, aber sie haben es abgelehnt. Das war ziemlich dämlich, weil sie hätten als eine der ersten ostdeutschen Zeitungen ein Interview mit Bärbel Bohley gehabt! Das wäre später für sie relativ gut gewesen. Zwei Monate später waren die Chefredakteure alle weg.

Bärbel Bohley
Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley am 04. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz
Bundesarchiv, Bild 183-1990-1104-006 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

Am 04. November 1989 gab es eine große Kundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Wie signifikant war für Sie dieses Ereignis?

Es war nicht die entscheidende Demonstration. Die Kundgebung am 04. November war die erste ganz große Massendemonstration mit geschätzt einer Million Menschen. Vor Ort waren auch alle gewendeten SEDler und diejenigen, die gemerkt haben, dass ihnen die Felle davonschwimmen. Es war eine sehr widersprüchliche Demo. Einerseits war sie geprägt von den Reden sehr kluger Leute, wie etwa der Schauspielerin Steffi Spira oder auch Ulrich Mühe. Es waren aber auch einige sehr unzufriedene Genossen mit dabei und normale DDR-Bürger, die mit der Bürgerbewegung wenig zu tun hatten.

Die eigentlich entscheidende Demonstration war am Tag des Republikgeburtstags am 07. Oktober. Zum letzten Mal haben sich im Palast der Republik alle Führer der kommunistischen Länder verabredet. Mehrere von denen waren wenige Wochen später gar nicht mehr am Leben, wie der rumänische Staatspräsident Nicolae Ceaușescu. Anlässlich des 40. Geburtstag der DDR haben die im Palast der Republik eine Riesenparty gefeiert, während sich um 16 Uhr an der Weltzeituhr am Alexanderplatz ein paar Hundert Demonstranten trafen. Im Laufe der Zeit wurden das aber bis zu dreitausend junge Leute. Es wurde später als “Zusammenrottung” bezeichnet, weil natürlich nichts angemeldet war. Der erste Ruf war “Freiheit, Freiheit, Freiheit” und später auch noch andere Dinge.

Wie ging die Demonstration weiter?

Man hatte natürlich Riesenangst und es wurde alles von den umliegenden Häusern des Alexanderplatzes abgefilmt. Nach circa einer Stunde bewegte sich der Pulk in Richtung Palast der Republik. Wir sind dann am Roten Rathaus vorbei und als wir Richtung Brücke zum Palast der Republik gingen, war die mit Fahrzeugen gesperrt. Da war es bereits dunkel. Es kamen immer mehr Polizisten und später auch Kampfgruppen. Die Jugendlichen bewegten sich alle nach vorne und wir riefen: “Freiheit, Freiheit, Freiheit!”, “Gorbatschow, Gorbatschow, Gorbatschow!” und “Die Mauer muss weg!”. Es war natürlich eine totale Unruhe unter den Demonstrierenden.

Wir dachten auch, dass da jederzeit geschossen und verhaftet wird. Ich habe zum ersten Mal Zivilisten mit Maschinenpistolen gesehen. Durch alle kleinen Querstraßen zog der Demonstrationszug vom Palast der Republik in den Prenzlauer Berg zur Gethsemanekirche. Von dort aus ging es wieder zurück, über andere Wege und man war permanent von der Polizei eingekesselt. 

Kurz nach Mitternacht löste die Polizei die Demonstration mit aller Härte und Brutalität auf. Zu Beginn haben sie mit Stoßtrupps einzeln Leute gegriffen. Ich bin mit Freunden über den Friedhof geflüchtet, weil die Polizei später nur noch geprügelt hat. An dem Tag gab es auch eine Demonstration in Plauen, die leider weniger Beachtung findet. Dort haben über fünftausend Menschen sich verabredet und demonstriert. Diese beiden Demonstrationen am 07. Oktober 1989 sind nach meinem Empfinden die wichtigeren gewesen. 

Wie würden Sie die Aktionen in Leipzig einorden?

Das Friedensgebet war zu diesem Zeitpunkt sehr klein. Das entwickelte sich von rund zwanzig, dreißig Leuten zu fünfhundert im Oktober. Die richtigen Massendemonstrationen kamen genau nach dieser Schlacht in Ost-Berlin und in Plauen. Dadurch entstand ein Sog und so gingen dann am 13. Oktober 1989 erstmals mehrere Zehntausende auf die Straßen in Leipzig. Aus sächsischer Sicht wird gerne behauptet, dass das Zentrum der Revolution in Leipzig war. Das allein ist aber mitnichten so.

Spielt der Slogan „Keine Gewalt!“, der bei den Demonstrationen im Oktober/November verwendet wurde, auf die Ereignisse in Ost-Berlin und Plauen an?

Ja. Bei dieser Demonstration in Ost-Berlin haben wir permanent “Keine Gewalt! Keine Gewalt!” gerufen. Uns standen, und ich sage das auch ganz pathetisch, Kampfgruppen und Bereitschaftspolizei gegenüber. Dieser Spruch “Keine Gewalt! Keine Gewalt!”, der stammt genau aus diesen Situationen. Bei der ersten Massendemonstration in Leipzig war Militär und ein Großaufgebot der Bereitschaftspolizei im Einsatz.

Die Bürgerbewegungen in der DDR waren sehr heterogen. Gab es da überhaupt konkrete gemeinsame Ziele?

In den letzten zehn Jahren der DDR, konnte man in den Diskussionskreisen von einer totalen Ablehnung der DDR bis hin zur Reform des Sozialismus alles finden. Ich habe beispielsweise die Musikerin Bettina Wegner kennengelernt, die partout nicht in den Westen wollte. Die haben sie quasi mit Gewalt abgeschoben. Ich war in einem Gesprächskreis mit dabei, in dem Prof. Rosemarie Will und andere an alternativen Sozialismuskonzeptionen gearbeitet haben.

Das Neue Forum war in seiner Ausrichtung auch ganz deutlich: Wir wollen die DDR nicht so, wie sie ist. Wir wollen Offenheit und frei reden können. So steht es auch in der ersten Erklärung vom August. Es handelte sich absichtlich um eine intellektuelle Bewegung, die nicht etwa die Versorgungslage in der DDR behandelte, was wohl für die meisten DDR-Bürger ein Thema war. Wir wollten nicht, dass von einer SED-Mitgliedschaft abhängig ist, welchen Beruf man ausüben kann. Freiheit stand an erster Stelle. 

Inwiefern war die Wiedervereinigung zu diesem Zeitpunkt ein Thema?

Davon war überhaupt nicht die Rede. Im Sommer 1989 gab es in der DDR keine zwei dutzend Menschen, die die Wiedervereinigung wollten. Es war schlichtweg nicht im Bereich des Denkbaren. Wir wollten Freiheit. Ich bin an der Berliner Mauer groß geworden. Wir haben unser gesamtes Leben mit Mauer und Scharfschützen verbracht. Dass man das einfach wegräumen kann, war nie Teil unserer Lebensperspektive. Darum ging es um Veränderungen, aber man stand einer zunehmend greiser werdenden SED-Führung gegenüber.

Das ging soweit, dass sogar innerhalb der Partei die Unzufriedenheit wuchs. Meine Eltern gehörten dazu. Sie wussten, dass es so nicht weitergehen kann. Die Genossen sind wirklich verzweifelt an der eigenen Führung und deren Ignoranz. Man kann aus heutiger Sicht zusammenfassen: Dieses Land ist implodiert. Die ökonomischen Widersprüche waren drastisch. Gleich nach der Demonstration am 13. Oktober 1989 wurde Honecker abgesetzt, nach bekanntem Schema, wie es bereits Ulbricht 1971 widerfahren war. Das entralkomitee (ZK) hat Egon Krenz zum Nachfolger ernannt, der den ostdeutschen Gorbatschow machen sollte. In der Jugendsendung elf99 wurden plötzlich ganz andere Töne gespielt. Es wurden später sogar Leute nach Wandlitz eingeladen, wo die DDR-Bonzen gelebt haben. Natürlich war das alles viel zu spät.

Die DDR hing ja wirtschaftlich am Beatmungsgerät.

Das war mir damals nur ansatzweise bewusst. Das war Thema in den Gesprächskreisen über alternative Sozialismusmodelle, in denen es auch ziemliche kritische Stimmen gab, die sagten: “Wir sind ökonomisch am Arsch. Wir sind total abhängig.” Die West-Kredite, die von Franz Josef Strauß vermittelt wurden, waren der Todesstoß für die DDR. Man brauchte permanent Geld und Devisen aus dem Westen, um bestimmte Dinge einzukaufen. Waren aus dem Osten, an denen es uns mangelte, wurden in den Westen billig für D-Mark verscherbelt.

Es gab natürlich noch mehr ökonomischen Wahnsinn, weswegen das Land im Oktober/November 1989 wirklich implodiert ist. Das ging so rasend schnell, dass sich die Führung nicht mehr anders zu helfen wusste, als die Grenzen zu öffnen. Der 09. November 1989 war kein Zufall. Sie wussten, dass sonst zehntausende von jungen Menschen über Ungarn oder Tschechien in den Westen abhauen würden. 

Vor dem Mauerfall hieß der Slogan „Wir sind das Volk“, der sich jedoch nach dem 09. November zu „Wir sind ein Volk“ änderte. Wie erlebten Sie den plötzlichen Gesinnungswandel der Demonstrierenden?

Das waren sehr zwiespältige Gefühle und so ging es sehr vielen. Der 09. November hatte eine Ausnahmesituation geschaffen, die ungefähr vier Wochen angedauert hatte. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Ich habe als junger Mann wirklich geträumt, dass ich in West-Berlin war und bin dann schweißgebadet aufgewacht, weil ich mir dachte: “Was ist denn jetzt los? Kann ich wieder zu meiner Familie zurück?” In Ost-Berlin haben wir ja den Westen permanent sehen können. Plötzlich war das aber Wirklichkeit, von jetzt auf sofort. Somit war nach dem Fall der Mauer klar, dass das jetzt ein anderes Land wird. Ich vermute, dass es in der Nacht schon klar war, dass das auf eine Wiedervereinigung hinausläuft, weil die Freiheit, die wir am 09. November gewonnen hatten, die hätten wir uns nicht mehr nehmen lassen.

Dazu mach ich jetzt einen Gedankensprung. Ich saß später am zentralen runden Tisch der Jugend für eine neu gegründete innere Oppositionsbewegung in den Gewerkschaften. Es kämpften da quasi junge Neukader mit den Altkadern über Monate hinweg. Es war die Zeit der runden Tische, und die politische Situation hat sich tagtäglich geändert. Man kann sagen, da ist in zwei Jahren so viel passiert, wie normalerweise in zwanzig, dreißig Jahren. Es wurde über die Offenlegung der DDR-Vermögen gestritten. Ich habe mich beispielsweise bei der Untersuchung und Offenlegung des FDJ-Vermögens beteiligt. Wir haben uns auch mit den Ungeheuerlichkeiten hinter der Fassade der DDR beschäftigt. Die Stasi war ein großes Thema.

Viele Leute haben erst ab diesem Zeitpunkt begriffen, dass es ein flächendeckendes System der Überwachung gab. Das alles war Teil einer Wahnsinnsdynamik, die mit Sicherheit auch geschürt war. Langsam merkte man, wie das in Richtung “Wir sind ein Volk” umschlug. Es tauchten bei den Demonstrationen die Deutschland-Fahnen auf, die vorher nicht zu sehen waren. 

Ab wann hatten Sie das Gefühl, dass die DDR nicht mehr zu retten war?

Das kann ich klar benennen: Krenzs Nachfolger Hans Modrow, der in der SED als Oppositioneller galt, hatte eine Konföderation der beiden deutschen Staaten vorgeschlagen. Als dann Kohl im Dezember 1989 nach Dresden kam, war es mit der DDR vorbei. Das war alles inszeniert, wie er sich mit Modrow im Hotel Bellevue getroffen hatte. Kohl hat später seine eigene Kundgebung in Dresden abgehalten, die politisch gesteuert war. Es waren nur Deutschland Fahnen zu sehen und Kohl ging auf Modrows Plan zur Konföderation gar nicht mehr ein. Ich bin mir sicher, dass die schon an den Plänen zur Währungsunion gearbeitet haben. Im Frühjahr tobte dann die Schlacht zu den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990. Diese Wahlen waren dann der letzte Stein des Anstoßes. Nach der Wahl war klar, dass alles vorbei war.

Bei den Wahlen holte das CDU-nahe Bündnis Allianz für Deutschland über 48 Prozent der Stimmen. Können Sie versuchen diesen Stimmungswandel zu erklären?

Ich denke, dass wir uns fast alle vom Westen etwas blenden lassen haben. Wir haben noch gar nicht über das ganze Mangelsystem gesprochen haben, aber für mich persönlich war der geistige Mangel größer als der materielle. Mit den Wahlen war klar, dass jeder Versuch, das System zu restaurieren, erledigt war. Die Währungsunion im Sommer 1990 war dann der erste Schritt in Richtung Wiedervereinigung und die Leute wollten das Geld auch. Ich halte mich für einen Linken, aber wir dürfen einer Lebenslüge nicht aufsitzen. Die absolute Mehrheit der DDR-Bevölkerung wollte einfach den Beitritt.

Was das Thema Wiedervereinigung betrifft, haben Sie selbst ihre Erfahrungen in den Gewerkschaften gemacht.

Ab März 1990 bis zur Wiedervereinigung war ich permanent mit der Frage beschäftigt, wie juristisch bestimmte Fragen zu klären sind. Wie wird der FDGB aufgelöst? Wie organisiert man die neuen Mitgliedschaften in den westdeutschen Gewerkschaften? Macht man überhaupt eine Vereinigung? Das ist alles andere als profan, weil daran riesige ökonomische Prozesse hängen. Alleine an der Frage, ob jedes einzelne Gewerkschaftsmitglied in seine zukünftige Gewerkschaft eintritt, oder ob es eine Vereinigung gibt, ist juristisch und moralisch ganz schwer zu beantworten. Die Frage war am Ende, was die Masse der Leute wollte.

Mit welchen Problemen waren die Gewerkschaften in der Wendezeit konfrontiert?

In der Wendezeit spielte die Mangelwirtschaft im Betrieb und die Diskrepanz zwischen dem, was die Führung erzählte und wie es in Wirklichkeit aussah, die größte Rolle. Es gipfelte in diesem Witz: 108 % Kartoffeln in diesem Jahr geerntet. Im Neuen Deutschland sind nur ökonomische Erfolge verkündet worden, aber in der Realität sahen die Arbeitnehmer, dass es eigentlich an allem fehlt. Die S-Bahn fährt kaum noch, weil keine Teile mehr da sind. Es gibt keine Autoteile und so weiter. Wir hatten das tolle System der Tauschwirtschaft, weil es einfach nichts gab. Das war das größte Problem zu Beginn, mit dem die engagierten Gewerkschafter konfrontiert waren. Da ging es noch nicht einmal um die Frage des Arbeitsplatzes und des Marktverlustes. 

Was noch entscheidend war für den gesamten Prozess: Die konservativen Kreise um die CDU haben generalstabsmäßig, wie im Krieg, die Übernahme der Ost-CDU und der Blockparteien organisiert. Darum waren sie bei den Volkskammerwahlen den anderen Parteien so überlegen. Sie waren einfach besser ausgerüstet und haben erkannt, dass sie im Osten ihre Macht ausbauen müssen. In den linkeren Kreisen gab es Personen, die empathischer waren, die uns “Ossis” nicht vorschreiben wollten, wie wir was zu machen hatten. Die haben uns machen lassen und uns unterstützt auf unserem Weg in Alternativen zu denken. Man kann sagen, dass die Linken an dieser Stelle einfach vorsichtiger waren.

Als klar wurde, dass die Wiedervereinigung im Oktober kommen wird, war für uns auch klar, dass wir eine gemeinsame Gewerkschaftsführung im DGB brauchen.