Die Aristokratin, die auf Mussolini schoss

Violet Gibson schoss am 07. April 1926 auf den italienischen Faschisten Benito Mussolini. Sie verletzte ihn jedoch nur leicht an der Nase. Damals als „Geisteskranke“ abgestempelt, wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, Gibson als „engagierte Antifaschistin“ zu feiern.

Violet Gibson nach Mussolini Attentat
Violet Gibson nach ihrer Festnahme
Italienisches Innenministerium/Gemeinfrei

Am Morgen des 07. Aprils 1926 eröffnete der italienische Faschistenführer Benito Mussolini den Internationalen Chirurgischen Kongress in Rom. Gegen 11 Uhr mittags verließ er zusammen mit Parteifreunden den Palazzo dei Conservatori und ging über den Piazza del Campidoglio durch eine kleine Menge jubelnder Menschen, um in ein Auto einzusteigen.

Die schwarzgekleidete Violet Gibson trat aus der Menge hervor, drängte sich durch das Polizeikordon und feuerte aus drei Meter Entfernung mindestens einen Schuss auf Mussolini ab. Danach klemmte die Waffe. Da der Faschist beim Augenblick des Abzuges seinen Kopf drehte, durchschlug die Kugel lediglich seine Nasenflügel.

Während sich Mussolini ins Gesicht griff, stürzte sich die aufgebrachte Menge auf Gibson. Die Polizei hatte Mühe sie in Sicherheit zu bringen. Indes versuchte der leichtverletzte Mussolini die Menge zu beruhigen. Dies gelang ihm vor Ort. Jedoch verbreitete sich die Nachricht über das Attentat in Rom wie ein Lauffeuer, obwohl eine Nachrichtensperre veranlasst wurde.

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Faschistischer Rachefeldzug

Der Schuss auf Mussolini „rief in allen Schichten der Bevölkerung tiefe Erregung hervor“, berichtete der sozialdemokratische Vorwärts, der sich auf die Berichte der italienischen Agenzia Stefani berief. Die Faschisten zogen mit Fahnen durch Rom und es kam zu Ausschreitungen. Die Vossische Zeitung berichtet von Angriffen auf die Druckerei der unabhängigen Tageszeitung Il Mondo, die sich seit Mussolinis Machtübernahme im Jahr 1922 gegen ihn positionierte.

Im Laufe der Angriffe wurde die Druckerei komplett zerstört und es wurden Feuer gelegt. Zufälligerweise starb am selben Tag Giovanni Amendola, der Gründer von Il Mondo. Er wurde im Juli 1925 von Faschisten in einen Hinterhalt gelockt und stundenlang schwer misshandelt. An den Folgen des Attentates starb Amendola am 07. April 1926 in Cannes.

Der Vorfall am Mittag wurde schnell zu einem Vorwand: Gerüchte wurden gestreut, dass der Attentäter ein KomIntern-Agent gewesen sei. Infolgedessen strömten hunderte Faschisten zur sowjetischen Botschaft, wo einige Fensterscheiben zerschlagen wurden. Die Polizei konnte schlimmeres verhindern.

Auch die Nachrichtensperre wurde am Nachmittag aufgehoben, so dass bereits am nächsten Tag die ausländischen Zeitungen über das Attentat berichten konnten.

„Geisteskranke Aristokratin“

Wer war die Frau, die Mussolini um ein Haar getötet hatte? Die Medien schrieben von einer „geisteskranken Aristokratin“, die besonders im Vereinigten Königreich für eine peinliche Sensation sorgte, wie die Vossische Zeitung in ihrem Leitartikel vom 08. April 1926 weiterschreibt.

1876 in der Grafschaft Dublin geboren, war Violet Albina Gibson die Tochter des Lordkanzlers von Irland, der „in dieser Stellung die irische Freiheitsbewegung auf das Schärfste bekämpft“ hatte. „Es liegt eine sonderbare Ironie darin, daß auf den gewaltsamen Unterdrücker bürgerlicher Freiheit in Italien ein Attentat verübte“, resümierte die Vossische Zeitung.

Die britische Regierung diskutierte noch am Tag des Mussolini-Attentats eine mögliche Reaktion. Man einigte sich auf ein Telegramm des Königs an die italienische Regierung, das sein Bedauern über das Attentat ausdrückte. Aus aller Welt kamen Nachrichten für den Duce an, die ihm eine schnelle Genesung wünschten. Um den schönen Schein zu wahren, wurde von Mussolini höchstpersönlich strenge Disziplin angeordnet, die jegliche Gewaltaktionen untersagen sollte. Doch bereits die Angriffe am Nachmittag sprachen eine andere Sprache.

Die Familie von Gibson distanzierte sich von Violet. Man habe sie seit einiger Zeit als „abnormal“ betrachtet. Jedoch sei man nicht davon ausgegangen, dass sie anderen Menschen Schaden zufügen würde.

Enrico Ferri: „Bewusster Wahnsinn“

Der Hauptkommissar Epifanio Pennetta beschrieb Gibson in seinen Ermittlungen als eine listige Fanatikerin, exzentrisch und neurotisch, jedoch nicht geisteskrank. Außerdem schloss er die Möglichkeit nicht aus, dass sie Teil einer größeren Verschwörung gegen Mussolini war. Aus politischer Sicht war die Einschätzung jedoch fatal für die Faschisten, so dass Pennetta schließlich den Fall abgeben musste.

Der italienische Kriminologe Enrico Ferri bescheinigte Gibson einen „bewussten Wahnsinn“. Ferri war jahrelanger Sozialist und Mussolini-Kritiker, bis er schließlich das Lager wechselte. In einem 1928 erschienen Aufsatz führte er eine Fallstudie an Gibson durch.1Ferri, Enrico: A Character Study and Life History of Violet Gibson Who Attempted the Life of Benito Mussolini, on the 7th of April, 1926. in: Journal of the American Institute of Criminal Law and Criminology Vol. 19, No. 2, Part 1.

Darin bezeichnete er sie als „hochintelligent und kultiviert“. Allerdings sei Gibson zum Zeitpunkt des Attentats geistig krank gewesen und obwohl sie bewusst handelte, war sie ihres freien Willens beraubt. Als Motiv sah Ferri „religiöse Manie“.

Ein differenzierteres Bild von Violet Gibson zeichnet die britische Journalistin Frances Stoner-Saunders in ihrem Buch „The Woman Who Shot Mussolini“. Laut ihrer Auffassung sei Gibson von sozialistischen Ideen ähnlich fasziniert gewesen wie vom religiösen Mystizismus.

Konvertierte Katholikin

Am 28. Juli 1902 wurde bekannt, dass Violet Gibson ihre Konfession wechselte: Fortan war sie katholisch. Die aristokratischen Kreise und große Teile ihrer Familie empfanden dies als „Perversion“. Trotz ihres starken katholischen Glaubens begann Gibson sich für Theosophie zu interessieren.

Doch es war ihr Bruder Willie, der ihr das progressive Christentum näherbrachte. In Violet reifte der Gedanke, dass die katholische Kirche mit dem monarchistischen System brechen müsste, und der Papst als Wächter der Freiheit und Demokratie dienen sollte. „Das war Willies Credo: Gott und Freiheit“, schreibt Stoner-Saunders. Willie war bereits 1890 zum Katholizismus konvertiert.

1923 griff Gibson ein Mädchen mit einem Messer an. Laut dem Bericht von Ferri, wollte sie die Opferung Isaaks wiederholen. Ein Freund von Violet berichtete, dass man nach der Tat eine geöffnete Bibel an eben jener Stelle im Buch Genesis in ihrem Zimmer fand. Laut seinen Aussagen habe sie es für „Gott und die Kirche“ getan.

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Sanatorium, machte sich Violet Gibson auf nach Rom. Laut Stoner-Saunders habe sie sich entsetzt über die Entwicklungen in Italien gezeigt. Insbesondere der Verrat Mussolinis am Sozialismus sei ein Schock für Gibson gewesen.

In Rom überlebte sie einen Selbstmordversuch, da die Revolverkugel nicht zum Herz durchdrang. Sie habe dies für den „Ruhm Gottes“ getan, soll sie später gesagt haben.

Was Ferri in seinem Bericht als „religiöse Manie“ bezeichnete, scheint laut den Ausführungen von Stoner-Saunders eine verkürzte Betrachtung zu sein, die durchaus politisch motiviert gewesen sein könnte.

„Nichts hat sich verändert“

„Ich überließ sie ihrem Schicksal, indem ich sie jenseits der Grenze brachte, wo sie über ihr Versagen und ihre Torheit nachdenken konnte“, schrieb Mussolini in seiner Autobiographie. 1927 kehrte Gibson wieder nach England zurück, um dort für den Rest ihres Lebens eingesperrt zu werden. So war die Abmachung.

Mussolini indes konnte politisches Kapital aus dem Attentat schlagen. Die gleichgeschalteten Medien berichteten, dass Gott höchstpersönlich den Duce gerettet habe. Im ganzen Land läuteten die Glocken am Tag des Attentats. Mussolini wandte sich noch am selben Nachmittag an seine Anhänger:innen. „Schwarzhemden! Ich will euch meine Stimme hören lassen, damit ich euch zeigen kann, dass sich nichts im Geringsten verändert hat.“

Auf die Zwischenrufe, dass die Gefahr aus dem Ausland komme, antwortete Mussolini: „Auch dem Ausland werden wir zu begegnen wissen!“. Laut dem Historiker Christopher Duggan entfaltete sich der Kult um Mussolini besonders nach den Attentaten im September und Oktober 1926. Zudem konnte so verstärkt gegen Antifaschist:innen vorgegangen werden.

Vergessene Frau

Die Zeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 verbrachte Violet Gibson in der psychiatrischen Abteilung des St. Andrew’s Hospital. Ihre Beerdigung fand still und heimlich statt – ohne Familie und ohne Freunde.

Sechs Jahrzehnte später greift eine Radiodokumentation des irischen Senders RTÉ das Leben von Violet Gibson wieder auf. Vier Jahre zuvor veröffentlichte Frances Stonor-Saunders ihr Buch über das Leben der Aristokratin, die auf Mussolini schoss. Vor kurzem verfilmte Barrie Dowdall das Leben von Gibson.

„Sie wurde weggesperrt, weil sie eine Frau war“, ist sich dieser in einem BBC-Interview sicher. Er hatte Einsicht in Briefe von Gibson, die unter anderem an Churchill und die spätere Queen Elizabeth gerichtet waren, als diese noch Prinzessin war. Die Briefe, in denen sie um ihre Freilassung bat, kamen jedoch nie an.

Im Dezember 2020 war Violet Gibson Thema der irischen Kommunalpolitik. Der unabhängige Politiker Mannix Flynn forderte die Unterstützung für die Errichtung einer Erinnerungsplakette an Violet Gibson, einer „engagierten Antifaschistin“.

„Es passte sowohl den britischen Behörden als auch ihrer Familie, dass sie als “verrückt” und nicht als politisch angesehen wurde. Es ist nun an der Zeit, Violet Gibson ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und ihr den ihr zustehenden Platz in der Geschichte der irischen Frauen und in der reichen Geschichte der irischen Nation und ihres Volkes zu geben.“

Eine entsprechende Plakette soll nun in Dublin errichtet werden.