945 Tage freiwillig im KZ Auschwitz: Die Geschichte des polnischen Widerstandskämpfers Witold Pilecki

Im August 1940 hielt die Tajna Armia Polska (Geheime Polnische Armee) eine Notfallssitzung ab. Ihr Stabschef Władysław Surmacki wurde von den deutschen Besatzern verhaftet. Während des Gesprächs wandte sich der General Jan Włodarkiewicz an Witold Pilecki: “Eine große Ehre wird dir zuteil”, sagte er zu ihm. Die Ehre, von der Włodarkiewicz sprach, bedeutete das neu gebaute KZ Auschwitz zu infiltrieren, Informationen zu beschaffen und Widerstand zu organisiren.

1941 zum Oberstleutnant befördert: Witold Pilecki

Pilecki war bewusst, dass die Wahl auf ihn gefallen war, weil er Włodarkiewicz’s Ideologie nicht teilte. Dieser jedoch betonte, dass er Pilecki für den einzigen fähigen Offizier halte, der diese Aufgabe übernehmen könne. Die Idee kam im Gespräch mit Stefan Rowecki, dem Leiter des Warschauer Untergrunds, auf. Solange nichts über das Lager in Auschwitz bekannt ist, kämen die Deutschen mit allem durch, so die Argumentation.1Fairweather, Jack: The Volunteer – The True Story Of The Resistance Hero Who Infiltrated Auschwitz. Dublin 2019. Part 1, Chapter II

Freiwillig nach Auschwitz

Allerdings war auch in militärischen Kreisen wenig über das KZ Auschwitz bekannt. Es war primär als großes Gefangenlager konzipiert, für die vielen zu erwartenden polnischen politischen Gefangenen. Im Juni 1940 kamen die ersten Häftlinge an, die im Laufe des Jahres viele Teile des Lagers erst aufbauen sollten.2Steinbacher, Sybille: Auschwitz – A History. München 2005, S. 30

Włodarkiewicz wusste auch, dass er Pilecki nicht zwingen konnte. Verdächtige Widerstandskämpfer hätten kaum Überlebenschance. Er bat ihn es freiwillig zu tun. Pilecki war sich zu Beginn äußerst unsicher. Da er jedoch Włodarkiewicz dazu gedrängt hatte, Rowecki als Anführer der Untergrundbewegung zu akzeptieren, musste er den Auftrag fast annehmen, wenn Rowecki den Plänen zugestimmt hatte. Weniger sorgte sich Pilecki um sich selbst, sondern um seine Familie.

Am 12. August 1940 kam es schließlich zu einer deutschen Razzia, bei der zwei befreundete Widerstandskämpfer nach Auschwitz deportiert wurden. Włodarkiewicz stichelte Richtung Pilecki: “Du hast eine gute Chance verpasst”. Pilecki nahm den Auftrag an. Zum letzten Mal besuchte er seine Familie, erzählte ihnen jedoch nichts über seine Mission. Sollte die Gestapo Wind davon bekommen, ist es besser, wenn die Familie nichts von der Sache weiß.

Am 18. September machte sich Pilecki auf um verhaftet zu werden. Er verbrachte die Nacht bei Eleonora Ostrowska, seiner Schwägerin und Untergrundskämpferin, die von nun an der Kontakt zwischen ihm und Włodarkiewicz sein sollte. Am nächsten Tag kamen die deutschen Besatzer wie erwartet. Sie klopften an Ostrowskas Tür und verhafteten Pilecki wie geplant. Zwei Tage später, am 21. September 1940, wurde er nach Auschwitz deportiert.3Fairweather, Jack: The Volunteer – The True Story Of The Resistance Hero Who Infiltrated Auschwitz. Dublin 2019. Part 1, Chapter II

Ankunft in Auschwitz

„Unsere Vorstellungen von Recht und Ordnung und von dem, was normal war, all die Ideen, an die wir uns auf dieser Erde gewöhnt hatten, erhielten einen brutalen Tritt.“ 4Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 13

Von Beginn an waren die Gefangenen psychologischem Terror ausgesetzt. Während die in Reih und Glied aufgestellte Truppe Richtung Lager marschierte, wurde einem Mann erzählt, dass er zu einem Posten am Straßenrand laufen sollte. Anschließend wurde er mit Maschinengewehrfeuer niedergemetzelt. Für diese „Flucht“, die von der SS bewusst provoziert wurde, wurden zehn zufällig ausgewählte Männer mit Pistolen erschossen.

Am Eingang des Lagers, an dem bereits der Schriftzug „Arbeit macht frei“ prangte, wurde den Gefangenen mitgeteilt, dass das Lager so konzipiert wurde, dass man dort maximal sechs Wochen überleben kann. Sollte man dies überleben, muss man gestohlen haben, was eine unmittelbare Verlegung in die Strafkompanie zur Folge habe. Dort würde man nicht lange leben.

Die Selektion an der Rampe im Jahre 1944. Das KZ Auschwitz wurde spätestens ab 1942 zur industriellen Vernichtungsmaschine.

Pilecki schildert, dass Gefangene, die als Beruf „Priester“, „Richter“ oder „Anwalt“ angaben, vor den Toren zu Tode geprügelt wurden. Im Lager selbst wurde den neuen Häftlingen der Kopf geschoren und eine Nummer eintätowiert: Im Fall von Pilecki war es die 4859. Ihm unterlief jedoch bei der „Anmeldeprozedur“ ein kleiner Fehler: Da er nicht, wie von ihm verlangt, seine Kennkarte zwischen den Zähnen festhielt, wurden ihm die vorderen Zähne ausgeschlagen. „Ich habe ein wenig geblutet“, kommentierte der Pole den Vorfall in seinem späteren Bericht.

Seine Häftlingsnummer, die nun seinen Namen ersetze, trug Pilecki nicht nur tätowiert an seinem Arm, sondern auch an seiner Uniform. Unter der Nummer prangte ein sogenannter Winkel, deren Farbe den Haftgrund nannte. Pileckis Winkel war rot, was für einen politischen Gefangenen stand.

Da Auschwitz zu Beginn primär ein Gefangenlager war und sich dort wenige Juden befanden, überwiegten die roten Winkel an den Uniformen. Mit trockenen Humor kommentiert Pilecki, dass er froh um die rote Farbe auf der blau-weiß gestreiften Uniform war, da sie ihm am besten stand.5Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 14-25

Arbeiten im Lager

Bis Ende des Jahres 1940 nahm das KZ jedoch ein Ausmaß an, dass der Lagerkomplex vergrößert wurde.6Steinbacher, Sybille: Auschwitz – A History. München 2005, S. 27 Pilecki berichtet, dass er in seinen ersten Tagen im Lager Kieselsteine in Schubkarren zum Bau des Krematoriums transportierte. “Wir bauten es für uns selbst”, schrieb er in seinen späteren Bericht.

Die Arbeit war geprägt von Kapos7Funktionshäftling, die “Laufschritt” forderten. Sollte man die Geschwindigkeit nicht einhalten können, oder wurde bei einer Pause erwischt, musste mit harten Prügeln rechnen. Sollte der Schubkarren gar umgestoßen werden, war einem der Tod durch Prügel sicher. Hier stellte Pilecki fest, dass besonders die Intellektuellen massive Probleme hatten. “Ja, es war ein Selektionsprozess”, resümierte der Pole. Ihm sei seine sportliche Natur zugute gekommen.8Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 34-35

Pilecki verlor seine eigentliche Mission nie aus den Augen. Doch musste er erst lernen, wie er im Lager überleben konnte. Ihm war bewusst, dass er erst die Hierarchien, Dynamiken und Funktionsweisen kennenlernen musste, ehe er mit dem Aufbau einer Widerstandsorganisation beginnen konnte. Einen kleinen Funken Hoffnung hatte Pilecki bei den Appellen, in denen sich die Häftlinge mehrmals am Tag in Reih und Glied austellen mussten. Kleinste Fehler wurden brutal bestraft.

Dann fühlte ich, wie ein einziger Gedanke durch diese Polen strömte, die Schulter an Schulter standen. Ich fühlte, dass uns schließlich alle dieselbe Wut, der Wunsch nach Rache verband. Ich fühlte mich in einer Umgebung, die perfekt geeignet war, um meine Arbeit hier zu beginnen, und entdeckte in mir einen Anschein von Glück.”9Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 32
Witold Pilecki

Mission: Widerstand

Von Beginn an war es Pileckis Ziel, schrittweise eine militärische Organisation aufzubauen. Deren Aufgabe bestand im wesentlichen darin:10Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 36

  • durch Nachrichten der Außenwelt die Moral der Häftlinge zu verbesseren
  • zusätzliche Nahrungsmittel und Kleidung zu beschaffen
  • Informationen über das Lagerleben nach außen zu beschaffen
  • eigene Abordnungen zu erstellen um das Lager zu übernehmen, wenn der Befehl kam, Auschwitz mit Fallschirmspringer zu befreien

Zugute kamen Pilecki seine Erfahrungen beim Aufbau derTajna Armia Polska. Seine Hoffnung war, dass die Allierten, immerhin Polens Verbündete, das Lager befreien würden, sollten sie von den Gräueltaten in Auschwitz erfahren.

Pilecki konnte auf ein paar Vertraute im Lager zurückgreifen, die er jeweils in Fünfer-Gruppen einteilte. Bereits im November konnte so ein erster Bericht an das Hochkommando der Armia Krajowa (polnische Heimatarmee) geschickt werden.

Widerstand unter schwersten Bedingungen

Der Winter stand vor der Tür und Pilecki musste “den härtesten Kampf” seines Lebens führen, wie er es selbst beschreibt. Es war der Hunger. “Es gab Zeiten, in denen man sich fähig fühlte, vor dem Krankenhaus einer Leiche ein Stück abzuschneiden”, erinnerte sich Pilecki. Im Januar 1941 folgte eine Lungeentzündung.

Um sich etwas auszukurieren konnte der Pole den Februar ruhiger angehen lassen. Diese Zeit nutzte er, um weitere Häftlinge für das Związek Organizacji Wojskowej (dt. Vereinigung militärischer Organisationen, ZWO) zu gewinnen. Im Frühjahr 1941 gab es bereits drei Fünfer-Gruppen, die aus Sicherheitsmaßnahme nichts voneinander wussten. So konnten sie sich nicht gegenseitig verraten. Dennoch wurde Pilecki immer wieder angesprochen, dass es wohl noch andere Organisationen gäbe, worauf er antwortete, dass man sich keine Sorgen machen müsste.11Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 37

Während die ZWO stetig wuchs, änderte sich langsam auch das Lagerleben. Zum einen lag dies am Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941, der eine Welle sowjetischer Kriegsgefangener nach Auschwitz brachte. Im Juli wurden schließlich Nebenlager wie Birkenau gebaut. Zum anderen wurde auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 die “Endlösung der Judenfrage” ausgearbeitet und somit der Holocaust geplant und koordiniert. In Auschwitz wurde nun mehr gemordet als sonst, was auch an den neuen Gaskammern lag.

Organisation und Informationen

Noch im November 1941 bestimmte Pilecki einige Führungskräfte, die sich auf verschiedene Kommandos verteilten und eigenständig Zweige der ZWO erstellten. Das ganze geschah auf gegenseitigem Vertrauen. Dennoch wählte Pilecki die Führungskräfte nach ihren charakterlichen Eigenschaften aus. Außerdem nutzte er geschickt einige Kapos für seine Zwecke.

Durch die entstandenen Netzwerke und ständige Rekrutierung war die ZWO im Februar 1942 in fast allen Kommandos vertreten. Pilecki gelang es mit der Hilfe von anderen Häftlingen nach monatelanger Arbeit einen Radiosender zu bauen, mit dem sie Informationen, wie etwa den Chiffrierschlüssel, nach außen zu senden. Bis zum Herbst 1942 geschah dies in unregelmäßigen Abständen, bis die SS dies dank eines “Großmauls” mitbekam. Das ganze Lager wurde anschließend gründlichst durchsucht, doch konnte sie am Ende die Schuldigen nicht ausfinding machen.

Im Frühjahr 1942 wurden die ersten konkreten Pläne geschmiedet, wie man als Organisation das Lager übernehmen könnte. Es wurden verschiedene Operationen geplant, je nach Tageszeit und Aufenthalt in den verschiedenen Blocks. Unterschiedliche Szenarien mussten koordiniert werden.12Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S.

Flucht durch die Bäkerei

Der Gestapo war natürlich bekannt, dass sich eine Widerstandsorganisation in Auschwitz gegründet hat. Sie verstärkte ihre Bemühungen, die Gruppe aufzuspüren und zu zerstören. Gleichzeitig erhielt Pilecki kaum mehr Informationen und Befehle von außen. Am 13. April 1943 sprach er mit Stanisław Machowski und fasste resigniert zusammen:

“Ich war hier für zwei Jahre und sieben Monate. Ich hatte einen Job zu erledigen. Seit geraumer Zeit habe ich keine Anweisungen mehr erhalten. Nun haben die Deutschen die besten Leute, mit denen ich gearbeitet habe, rausgeschifft. Ich müsste nochmal von vorne anfangen. Ich sehe nicht ein, weiter hierzubleiben. Darum werde ich gehen.”13Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 274

Daruf meinte Machowski, dass man sich nicht aussuchen könne wann man nach Auschwitz komme und wieder gehe. Pilecki sagte nur: “Doch, man kann.” Er fragte befreundete Mitglieder des ZWO in welche Richtung er am besten flüchten sollte. Als Antwort bekam er Trzebinia und Chrzanów.

Doch wie soll die Flucht gelingen? Bereits im März wurde Pilecki in die Fluchtpläne von Jan Redzej eingeweiht. Dieser hatte vor durch die Bäckerei zu fliehen, doch Ende März musste er feststellen, dass dies nicht wie geplant funktionieren würde. Eine Holztür, die sich nur schwer öffnen ließ, versperrte den Weg in die Freiheit. Pilecki bevorzugte von Beginn an über das Abwassersystem zu fliehen.

Schließlich aber konnten Redjez und Pilecki einen Weg finden, die schwere Holztüre in der Bäckerei zu öffnen: Während Redjez in der Bäckerei arbeitete, machte er Abdrücke der Mutter an der Holztüre in ein Stück Brot. Dies brachten sie zu einem Freund im Industriehof 1, der ihnen einen passenden Schraubenschlüssel schmiedete.

Zusammen mit dem befreundeten Häflting Edek konnten sie zu dritt über die Bäckerei fliehen. Mit viel Anstrengung öffneten sie die schwere Holztüre und flüchteten ins Freie, begleitet von Schüssen der SS. Mit geklautem Tabak versuchten sie ihre Geruchsspuren für Spürhunde unbrauchbar zu machen. Die Flucht war gelungen. Es war die Nacht vom 27. auf den 28. April 1943.14Pilecki, Witold: The Auschwitz Volunteer – Beyond Bravery. Los Angeles 2012, S. 283 – 302

Auschwitz Berichte

Am 04. Mai traf Pilecki schließlich den Mann, dessen Namen er im KZ Auschwitz trug: Tomasz Serafiński. Ab August 1943 befand er sich wieder in Warschau, wo er ein Jahr später beim Warschauer Aufstand beteiligt war.

Stets hatte Pilecki die Hoffnung, dass die Heimatarmee Pläne schmieden würde, das Lager zu befreien. Doch dazu kam es nie. Er verfasste einen vorläufigen Bericht mit elfeinhalb Seiten, der später von Mitgliedern des ZWO unterzeichnet wurde. Einen zweite Version stellte er im Herbst 1943 zusammen, der unter dem Namen Raport W veröffentlicht wurde. In Italien schrieb Pilecki schließlich die dritte und längste Version, die vor allem militärischen Zwecken dienen sollte. Der Bericht wurde im Sommer 1945 fertiggestellt, der Öffentlichkeit jedoch erst 55 Jahre später zugänglich gemacht.15Pilecki, Witold: Freiwillig nach Auschwitz – Die Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki. Zürich 2013. Vorbemerkung des Übersetzers der amerikanischen Ausgabe

Witold Pilecki vor Gericht im Jahre 1948

Im ausführlichsten Bericht gibt der Widerstandskämpfer einen peniblen Einblick in das Lagerleben mit all den menschenverachtenden Facetten. Es ist von Bestrafung, Folter und Ermordung die Rede, die genaustens beschrieben werden. Auch werden hochrangige SS-Männer erwähnt, die sich selbst bereicherten oder Beziehungen zu jüdischen Mädchen pflegten, obwohl ihnen dies verboten war.

Pilecki selbst wurde nach dem Krieg vom kommunistischen polnischen Geheimdienst verhaftet, weil er auch Informationen über die Gräueltaten der Sowjetunion und die Inhaftierung von Polen in Gulags sammelte. Er wurde wegen Spionage zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 25. Mai 1948 vollstreckt.