#EndSARS: Warum die nigerianische Jugend protestiert

Wie in den USA protestieren junge Menschen in Nigeria gegen Polizeigewalt. Schon seit Jahren leidet die Bevölkerung unter unrechtmäßige Verhaftungen, Folter und Erpressung durch die Polizeieinheit SARS, wie Amnesty International dokumentiert.

Babajide Moibi auf einer Kundgebung am 23. Oktober 2020
Foto: Francis Ughuma/Afrokultur

Anfang Oktober 2020 gingen mehrere Videos viral, die brutale Polizeigewalt in Nigeria zeigten. Dies löste eine Welle an friedlichen Protesten aus. Unter dem Hashtag #EndSARS fordern Menschen mehr Gerechtigkeit. Doch am 20. Oktober schossen Polizist:innen auf friedliche Protestierende, die eine Zollstation besetzen.

Babajide Moibi wuchs in Nigeria auf. Seit zwölf Jahren lebt er in Köln. Er organisiet Kundgebungen um auf die Situation in Nigeria aufmerksam zu machen.

Kannst du kurz erklären was SARS ist?

SARS ist eigentlich eine Polizeieinheit in Nigeria. SARS steht für „Special Anti-Robbery Squad” und ist eine Polizeieinheit, die gegen Scam (Betrug, meist online) oder Raubüberfälle zuständig sind und diese Menschen vor Gericht bringen können.

Und was ist das Problem mit SARS? Was passiert gerade in Nigeria?

Das Problem mit SARS ist, dass sie nicht „sauber“ arbeiten. Sie gehen auf die Straße und verhaften junge Menschen, die gut aussehen, gute Autos fahren oder teure Handys haben. Nach dem Motto: Die wären alle Internetscammers und das ohne Beweis. Sie werden gezwungen auf der Stelle Geld zu zahlen, um sich quasi freizukaufen. Es gibt sehr viele Berichte, dass die Menschen gezwungen werden an Geldautomaten ihr Konto [für SARS] zu leeren. Es gibt sogar Fälle, bei denen sie Menschen [,die sich geweigert haben zu zahlen] einfach so auf offener Straße erschossen haben.

Und wie kann es sein, dass SARS so wüten darf?

Weil die nigerianische Regierung einfach nichts dagegen macht und das schon seit Jahren. Über die letzten sechs oder sieben Jahre haben sie versprochen, dass sich was ändert, was aber nie passiert ist. Das ist in den letzten Jahren eben eskaliert.

Aber was ist passiert, dass sich die Situation jetzt gerade so zu spitzt?

Das hat mehrere Gründe. In den letzten zwei bis drei Wochen ist es krass eskaliert, weil viele verschiedene Leute aus unterschiedlichen Ecken von Nigeria sich dazu geäußert haben. Auch viele Prominente haben gesagt: „Jetzt reicht es! Wir haben keine Lust mehr!“ Da die Regierung immer wieder versprochen hat, SARS aufzulösen oder neu aufstellen. Aber wegen den Geschehnissen der letzten Monate sind die Leute auf die Straße gegangen und haben Proteste gestartet. Das ist auch viral gegangen, sodass viele Leute mitgegangen sind und sagen: „Wir stehen bei euch. Jetzt gibt es kein Zurück mehr“

Am 11. Oktober 2020 wurde bekannt gegeben, dass SARS aufgelöst werden soll. Aber die Proteste gehen weiter. Warum?

#EndSARS war nur der Anfang, das war der Auslöser. Aber bei der Bewegung EndSARS geht es nicht nur um SARS, sondern auch um die Regierung. Damit das Leben der Nigerianer besser wird. Die Regierung muss besser werden, wie ihre Versprechen halten. Es muss sich einiges ändern. Es geht um die Rechte der Menschen und dass sie diese auch einsetzten können. Es geht um Ungerechtigkeit. Dass die Polizei auf den Straßen machen können was sie wollen. Es geht nicht nur um SARS, um die Polizeieinheit, sondern um viel, viel mehr als das.

Wie schätzt du das Vorgehen der Protestierenden ein?

Ich habe es über Social Media beobachtet. Ich muss schon sagen, die sind sehr gut organisiert. Vieles läuft über das Internet, wie Twitter oder Whatsapp. Sie organisieren sich uns sagen: „Morgen gehen wir raus. Da und da treffen wir uns“ Es gibt eine Organisation Feminist Coalition, die die Spenden entgegennehmen. Die Organisation läuft super und sind sehr offen und transparent. Meiner Meinung nach machen die jungen Leute eine bessere Arbeit was Transparenz und Organisation angeht als die nigerianische Regierung selbst. Ich bin sehr stolz was sie bisher erreicht haben, vor allem die jungen Menschen.

Kannst du kurz zusammenfassen, was die jungen Menschen in Nigeria fordern?

Sie fordern, dass die Polizei bessere Gehälter bekommen. Denn wenn sie „satt“ sind werden sie auch nicht mehr Menschen erpressen. Wir kämpfen nicht nur für die nigerianische Jugend, sondern auch für die Polizisten. EndSARS ist natürlich gegen Polizeigewalt, schlechte Regierung, schlechte Politik und Korruption. In den letzten Jahren haben Politiker gelogen über das Verschwinden von Geldern. Einer hat behauptet, ein Affe hätte es gestohlen oder eine Schlange hätte es gefressen. Also unglaubliche und verschiedene Geschichten und Ausreden.

Hast du das Gefühl, da es ja nicht die ersten Proteste in Nigeria sind, dass es dieses Mal anders abläuft?

Ja, definitiv. Es ist das erste Mal, dass Leute in der Masse auf die Straße gehen. Auch, dass so viele internationale Organisationen sich eingeschalten haben. Über Twitter ist alles groß geworden. In fast jedem Land ist derHashtag #EndSARS viral gegangen. Ich war noch nie so stolz auf die nigerianische Jugend. Endlich gehen sie auf die Straße, erheben ihre Stimmen und fordern ihre Rechte ein.

Wie ist es für dich die Situation aus Deutschland zu verfolgen?

Am Anfang fühlte ich mich nutzlos, weil ich hier nicht so viel erreichen konnte. Dann konnte man spenden. Ich habe eine Kundgebung hier in Köln organisiert. Dann haben wir die zweite organisiert, wo circa 200 bis 300 Menschen anwesend waren. Man kann von hier aus Spenden direkt an die Organisation schicken, aber auch das Thema öffentlich machen und Menschen informieren was in Nigeria passiert.

Es geht momentan viel um Nigeria und #EndSARS. Aber auch in anderen afrikanischen Ländern passiert gerade viel. Ich wünsche mir, dass die deutschen Medien mehr von der Lage der afrikanischen Menschen berichten würden. Afrika brennt. Politiker aus verschiedenen Ländern müssen auch Verantwortung übernehmen.