„Es gibt kein ruhiges Hinterland“ – Autonome Jugendarbeit im ländlichen Bayern

Bayern wird mit viel assoziert, aber nicht mit autonomer Jugendarbeit. Umso wichtiger ist es, dass es dementsprechende Strukturen gibt, die für Jugendliche wichtige Zufluchtsorte darstellen können. Im Interview erzählt eine Genossin, die anonym bleiben möchte, über ihre Erfahrungen in der autonomen Jugendarbeit in Bayern.

Erziehung nach Auschwitz muss antifaschistisch sein!

Du bist Linksradikale, angehende Pädagogin und in der autonomen Jugendarbeit in einer Gegend Bayerns aktiv, die man höflich als „strukturschwach“ bezeichnen kann. Gibt es da überhaupt junge, linke Menschen außer dir?

Die Frage ist wirklich berechtigt, weil im städtischen wie im ländlichen Raum linke Freiräume, somit also auch die autonome Jugendarbeit, eher verdrängt werden. Insbesondere auf dem Land ist es bei Jugendlichen schwierig, Kontakte außerhalb der Schule aufzubauen. Das heißt, die Jugendlichen sind in ihrer Freizeit eher in den Städten im Umkreis wiederzufinden, wo es zumindest noch Treffpunkte und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten für sie gibt. In einigen ländlichen Bereichen gibt es dafür viele ältere Leute, die ich als bürgerlich bis links bezeichnen würde. Bei diesen Menschen erlebe ich in den letzten Jahren ein erneutes Aufflammen des politischen Engagements, was sich auch in der Unterstützung junger Linker wie uns äußert. Was uns als Linken im ländlichen Bereich derzeit durchaus behilflich ist, neue Anknüpfungspunkte mit der Jugend zu finden, ist die Friday for Future -Bewegung, die zwar am Land nicht ganz so aktiv scheint, wie in der Stadt, aber dennoch Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Lage bewegt. Letzten Endes sind wir auf dem Land vielleicht noch nicht die große Masse, doch genau deshalb ist es so wichtig, weiterhin unsere Freiräume zu gestalten und den jungen Menschen eine Alternative zur CSU-Kneipe oder der Dorfdisko zu geben.

Das „ruhige Hinterland“ beschreibt sinnbildlich einen sicheren Rückzugsort für rechtsreaktionäres Gedankengut. Was bedeutet das in der Realität vor Ort? 

Ich würde auf die Frage gerne in zwei Richtungen eingehen. Zum einen zeigt sich, dass sich die politische Situation auf dem Land verschärft hat. Das bedeutet für linke Freiräume, dass sie zunehmend um ihre Existenz kämpfen müssen und ständig unter Beobachtung von reaktionären Lokalpolitiker*innen stehen. Es zeigt sich, dass in den letzten Jahren viele „ehemals“ Rechtsradikale ihren Weg in die bürgerliche Politik gefunden haben, was unsere Situation schwieriger macht. Zum anderen existierten und existieren heute noch Verbindungen Rechter in unserer Umgebung, welche international vernetzt sind und auch gute Kontakte zu Organisationen wie Combat 18 und dem III. Weg haben. In Anbetracht der vorhandenen und sich gerade bildenden rechten, gewaltbereiten Strukturen in unserer Region rechnen wir in den nächsten Jahren mit vermehrten Übergriffen, wie sie anderswo in Deutschland schon auf autonome und linke Zentren geschahen. Bisher blieb es meistens bei Anfeindungen und Bedrohungen, jedoch waren einige unserer Freund*innen auch schon direkt von physischer Gewalt durch ansässige Neonazis betroffen. Ich muss sagen, diese Entwicklung macht mir Angst, auch in Hinblick auf die Zukunft. Doch die Aufgabe einer der letzten Schutzräume der Region kommt nicht in Frage.

Wie schafft man linke Freiräume zwischen Trachtenverein und CSU-Stammtisch? Wie erbittert muss man sie verteidigen?

Wir sind häufig schon in eine Rechtfertigungspflicht unserer Arbeit geraten. Dies passiert zu niemandes Überraschung immer dann, wenn sich Mitglieder unserer Institution, oder die Institution selbst politisch äußern. Dabei handelt es sich meist nur um eine klare Haltung gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Faschismus und LGBTQ* Feindlichkeit. Was für uns selbstverständlich scheint, wird uns von CSU-Stammtischlern gerne mal als Linksextremismus attestiert. Übrigens, gegen Trachtenvereine habe ich persönlich erst einmal nichts, solange sich deren Haltungen nicht mit denen der CSU-Stammtischler decken.

Welche Rolle spielt antifaschistische Aktion in der Jugendarbeit im ländlichen Raum?

Ich denke, dass sich insbesondere in der letzten Zeit die Jugend wieder mehr politisiert. Und zu meiner Freude sehe ich von Demonstration zu Demonstration wieder mehr Jugendliche mit klar antifaschistischer Haltung. Da die rechtsreaktionären Umtriebe in der Region in den letzten Jahren und Monaten immer mehr in die Öffentlichkeit gebracht wurden, ergibt sich für einige Jugendliche die Notwendigkeit, Initiative zu ergreifen und den Antifaschismus wieder zur Aufgabe für alle zu machen. Auf jeden Fall ist aber auch sichtbar, dass die antifaschistische Jugend auf dem Land unterpräsentiert ist, und sich häufig mit den großen Problemen mit Rechts allein gelassen fühlt. In den Dörfern und Städten rundum ist es schon fast die Regel, dass sich offen antifaschistische Jugendliche nicht mehr alleine auf die Straße trauen oder den Bahnhof meiden, weil sie immer und immer wieder von Neonazis angefeindet uns bedroht werden. Von den Stadtverwaltungen und der Politik wird das völlig ignoriert. Insbesondere daher finden wir es sehr wichtig einen Anlaufpunkt für Jugendliche zu organisieren, auch um zu zeigen: Du bist nicht allein damit. Zusammen kann uns nichts passieren. Das klingt vermutlich etwas pessimistisch, sollte aber vor allem ein Appell an die Linke in den Städten drumherum sein: Passt aufeinander auf, unterstützt die Kinder, Jugendlichen und Antifaschist*innen auf dem Land und lasst sie nicht alleine mit ihren Problemen! Was in einem Dorf zehn Kilometer entfernt von einer Stadt passiert, betrifft uns trotzdem alle!

Gibt es Verbündete in der ländlichen Gesellschaft, auf die man sich verlassen kann?

Natürlich gibt es immer Einzelpersonen und Organisationen, denen der Fortbestand von Freiräumen wie unserem am Herzen liegt. Mit denen pflegen wir auch schon seit Jahren eine gute Zusammenarbeit. Trotzdem können wir absolut jede Unterstützung gebrauchen, denn wir glauben nicht, dass die autonome Jugendarbeit in den nächsten Jahren einen einfachen Weg vor sich hat, vor allem in Anbetracht des Erstarkens rechtskonservativer Parteien in ganz Deutschland. 

Die Radikale Linke hat ein historisch schwieriges Verhältnis zur Provinz, gerade in Bayern. Dafür gibt es sicherlich eine Vielzahl von historischen, demografischen und sozialen Gründe, aber was genau macht die Radikale Linke selbst grundlegend falsch in ihrer Auseinandersetzung mit dem „Hinterland“?

Die Bezeichnung „Hinterland“ trägt vermutlich dazu bei. Die Radikale Linke scheint das Land regelrecht zu vergessen, während sie sich in den Städten damit brüstet, irgendwelche Lesekreise oder Theorieabende zu veranstalten, die sich fernab von realen Problemen bewegen. Teile der radikalen Linken scheinen in akademischen Auseinandersetzung gefangen zu sein, während Rechte in allen Teilen des Landes wieder morden können und Jugendliche mit Antifa-Shirt Angst um ihr Leben haben müssen, wenn sie nachts alleine am Bahnhof stehen. Diese Individualisierung nach Stadt und Land, Akademische Linke und Proletarische Linke können wir uns nicht leisten. Gerade am Land, wo wir so wenige sind, benötigen wir einen starken Zusammenhalt, den die radikale Linke teilweise nicht bieten kann. Unter anderem deshalb finden wir es so wichtig, was wir mit unserer Arbeit bewirken können. Auch wenn das manchmal schwierig sein kann, wollen wir einen Ort schaffen, an dem Pluralismus nicht nur eine Phrase ist. 

Wie politisch sollte Jugendarbeit sein? Siehst du eine besondere Verantwortung in der „Erziehung nach Auschwitz“? Und wenn ja, wie wird man dieser gerecht, ohne zu indoktrinieren? 

In der Jugendarbeit geht es meiner Meinung nach vor allem darum, den Jugendlichen grundsätzliche Werte für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen mit auf den Weg zu geben. Das schließt mit ein, über Themen wie Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus aufzuklären. Das geht am besten, wenn man den Jugendlichen vorlebt, dass Menschen mit verschiedener Religion, Herkunft, Hautfarbe oder Sexueller Identität gleichberechtigt und solidarisch miteinander Leben und Lernen können. Dabei spielt meine eigene politische Einstellung zur radikalen Linken eigentlich keine Rolle. Fragen mich ältere Jugendliche nach meiner persönlichen Meinung, antworte ich ehrlich, denn ich finde, für Antifaschismus sollte man sich in einem Land mit dieser Vergangenheit nicht schämen müssen. Ich nehme mir Zeit für die Ansichten und Haltungen der Jugendlichen und versuche mit ihnen auf einer offenen, akzeptierenden Basis zu sprechen. Eines meiner wichtigsten Prinzipien ist die Orientierung an Fakten und das eigenständige Denken. Daher bin ich auch immer wieder froh um die vielen Jugendlichen, die kritisch und wach durch die Welt gehen. Ich erlebe es in meinem Beruf leider immer häufiger, dass Kinder und Jugendliche die Streitigkeiten ihrer Nationen persönlich aneinander austragen wollen, oder ein völlig verzerrtes Frauenbild mitbringen. Leider werden Einstellungen wie Nationalismus oder Sexismus häufig von Eltern an ihre Kinder vermittelt. Das finde ich dann wirklich indoktrinierend und vor allem – wahnsinnig gefährlich.

Du hast uns gebeten, das Interview ohne deinen Namen und dein Gesicht zu veröffentlichen. Kannst du kurz erklären, warum dir das wichtig ist?

Wie du anfangs festgestellt hast, bezeichne ich mich selbst als linksradikal und bin angehende Pädagogin. In einem Bundesland wie Bayern möchte ich mir meine berufliche Zukunft nicht verbauen, in dem ich Repressionsbehörden unnötig viele Informationen gebe. Ich liebe meinen Beruf und würde mich freuen, ihn noch lange auszuüben. Natürlich möchte ich auch die vielen anderen Menschen und Institutionen nicht gefährden, die nach wie vor autonome Jugendarbeit betreiben. Denn leider sind diese häufig von irgendwelchen konservativen oder rechten Politiker*innen und deren „Gunst“ abhängig. Wie man spätestens seit dem Entzug der Gemeinnützigkeit der VVN-BdA sehen kann, werden antifaschistische und antirassistische Vereine und Organisationen aktuell zunehmend staatlicher Willkür und rechter Verfolgung ausgesetzt. Daher geht Selbstschutz definitiv vor.