Brixton Riots – “It’s getting very ugly down there!”

Im April 1981 brannte Brixton, der Migranten- und Arbeiterstadtteil im Süden Londons. Über zwei Tage lieferten sich Bewohner*innen und britische Polizei-Einheiten erbitterte Straßenschlachten, in denen fast 300 Polizisten verletzt und knapp 100 Protestierende verhaftet wurden. Es waren die schwersten Auseinandersetzungen in England seit dem Zweiten Weltkrieg. Am Ende siegte die Gemeinde von Brixton über die Staatsgewalt.

“I didn’t join the police as a racist, but whilst I was in the police, I became one…”
Peter Blecksley
Officer a.D.

Die Polizei bringt sich in Stellung.
Kim Aldis/CC BY-SA 3.0

Anfang der 1980er Jahre verschärfte sich das gesellschaftliche Klima in Großbritannien. Unter der rechtsreaktionären Regierung von Margaret Thatcher gerieten neben Gewerkschaften und Studierenden zunehmend auch migrantische Viertel unter Druck. Unter dem Banner rigoroser Law-and-Order-Politik implementierte die britische Polizei offen rassistische Straßenkontrollen, denen hunderte von schwarzen Jugendlichen als “mutmaßliche Taschendiebe und Einbrecher” in die Fänge gerieten. Routinemäßig wurden die jungen Leute dabei von der Polizei zum Teil schwer verprügelt und oft für mehrere Tage ohne Verdachtsmomente eingesperrt. Besonders im westindisch-geprägten Brixton wurde die Repression der Staatsmacht zunehmend unerträglich: Zivile Greiftrupps der Polizei verbreitenden dort Angst und Schrecken.

Operation “Swamp 81”

Einige Tage vor Ausbruch des Aufstands begann die Londoner Polizei eine konzentrierte Aktion von rassistisch-motivierter Zivilfahndung unter dem Decknamen “Swamp 81” im Herzen des Viertels, der Railton Road, von den Brixtoner*innen auch “Frontline” genannt. Die Anwohnerin Zeta Price beschrieb die brutale Repression, die sie erlebte: “I saw a police man with a young black guy, and he was really giving it to him, boxing him, dragging him… And my heart began to pound, you know, and I thought: Oh my God, he’s going to kill that boy! And then someone was coming up to me and I looked and it was a tall, handsome police man. And he looked down at me and he says: What are you looking at? And I says: I’m looking at the way he’s doing that boy… And he says: Mind your own business and go your way, before you get your share!”

Die Operation brachte innerhalb kürzester Zeit die gesamte Gemeinschaft von Brixton gegen die Polizei auf, denn jeder konnte zum Opfer ihrer Willkür werden, die jeden Widerspruch gewaltsam im Keim erstickte.

“What you gonna do, just sit there and take it? Nah, nah…”
Lloyd Leon
Gemeindesprecher in Brixton

Am Freitag dem 10. April lag eine drückende Ruhe über Brixton. Polizei wurde zu einer Schlägerei in einer Bar gerufen. Ein junger Mann war mit einem Messer verletzt worden und sollte nun unsanft von den Beamten vernommen werden, während diese auf einen Rettungswagen warteten. Eine wachsende Menschenmenge aber verlangte, dass der Verletzte unverzüglich mit dem Einsatzwagen der Polizei in ein nahes Krankenhaus gebracht werden sollte. Als die Polizisten das verweigerten, in einer Situation, in der es augenscheinlich um Leben und Tod ging, griffen etwa 40 Jugendliche aus der Menge das Polizeiauto an. Als diese Verstärkung anforderten, eskalierte die Situation zu einer ausgewachsenen Straßenschlacht zwischen einigen Dutzend Polizisten und über hundert Jugendlichen, wie Officer Blecksley berichtete: “The operators there in Scotland Yard were calling for all available assistance to make their way there.” Schnell wurde die Situation unter einem Hagel von “bricks and bottles” aus der Menge unhaltbar, die Polizei musste ihre Einheiten abziehen: “They (the police) had to back off, ya know what I mean? Some of them couldn’t even get in their cars…” – Blacker Dread, Augenzeuge.

Rumours and hatred

In der Nacht auf Samstag verbreitete sich in Brixton das Gerücht, der verletzte Jugendliche sei in der Polizeihaft verstorben, eine Falschmeldung, die die Emotionen der Menschen gegen die Staatsgewalt hochkochen ließ. Sprecher der Gemeinde bemühten sich, in der zum zerreissen gespannten Situation die Polizeiführung dazu zu bewegen, die verhasste Operation “Swamp 81” einzustellen, um die Lage zu beruhigen, vergeblich. Der damals verantwortliche Polizeiführer Brian Fairbairn steht bis heute zu seiner Entscheidung, seine Beamten auch am folgenden Tag in den Zivilfahnder-Einsatz in Brixton zu schicken: “If I’ve had withdrawn, a lot of people would have seen that as surrender. Also it would have laid me out to the charge of failling to police the area properly.” Am nächsten Tag lag wieder trügerische Ruhe über dem Viertel: “Brixton looked a little more fuller than it did. Plus, there was a lot more police there…” – Brian Beckfort, Anwohner.

Die Schlacht beginnt

Am späten Nachmittag flog der Funke im Pulverfass Brixton in Form einer Drogenkontrolle mehrerer Beamter gegen einen Taxifahrer nahe Railton Road. Hunderte Jugendlicher in den Nebenstraßen hatten nur darauf gewartet. Wenige Minuten später standen sich Polizei und Protestierende in direkter Konfrontation gegenüber. Den Ausbruch der Gewalt schilderte der beteiligte Anwohner Johnny Brixton: “And so he (a police officer) walked across, and he stood on my foot. So I got up, and I pushed him off! And he staggered back, lika a couple of steps, and then he came forward again, so I hit him. Next thing I knew, about twenty or so police officers in uniform came running across the street. I said (to the crowd): So what, are you gonna let them arrest me?”

Hunderte Jugendlicher, Schwarze und Weiße, griffen daraufhin mit Pflastersteinen und Tritten die Polizei an, die sich eilig zurückziehen musste und verzweifelt Verstärkung anforderte. Als diese Einheiten eintrafen, trafen sie auf den Widerstand Brixtons. Die Londoner Polizei war auf keiner Ebene auf die Schlacht gegen ein ganzes Stadtviertel vorbereitet, Polizeitrupps ohne Schutzschilde wurden von Protestierenden die Straßen hinauf und hinunter gejagt. Eine Stunde nach Ausbruch des Riots musste sich die Polizei aus Railton Road, der “Frontline” zurückziehen. Immer noch kamen hunderte von Jugendlichen aus dem ganzen Viertel heran. Einige der Aufständischen aus sozial schwächeren Verhältnissen nutzten die erzwungene Abwesenheit der Polizei, um sich in Juweliergeschäften und Designer-Läden mit dem auszustatten, was sie sich ihr ganzes Leben lang nicht leisten konnten.

“It’s getting very ugly down there!”
Polizeifunkspruch aus Brixton

Im Laufe des Abends traf auch für die Polizei Verstärkung ein, außerdem die dringend benötigten Schutzschilde. Die Aufständischen in Brixton antworteten mit Molotow-Cocktails, einer Waffe, die bis zu diesem Tag noch nie in England bei Ausschreitungen zum Einsatz gekommen war. Der Vormarsch der Polizei in der Railton Road kam zu einem abrupten Ende, wie einer der beteiligten Polizisten erinnerte: “A milk bottle smashed in front of me, so we were a bit worried, because milk bottles were going to injure anyway, so we were going to step back… but then when the next one came on and it hits… I mean, what can you do against fire? People were screaming and shouting, people were set alight… it was quite horrendous.”

Mittlerweile war auch britische Presse in großer Zahl eingetroffen, in der Erwartung, in Brixton einen “Rasse”-Konflikt vorzufinden, schwarze Unruhestifter gegen weiße Ordnungshüter. Stattdessen zeigte sich ihnen ein Bild ähnlich einem Bürgerkrieg, indem ein ganzes Viertel über alle Grenzen hinweg gegen die Polizei vereint stand. All das geschah keine vier Meilen vom House of Parliament entfernt. Gegen sieben Uhr meldete die Polizei bereits 50 schwerverletzte Beamte. Mehrere tausend Jugendlicher hatten sich dem Aufstand inzwischen angeschlossen. Weiße und Schwarze Gemeindesprecher versuchten verzweifelt, einen Abzug der Polizeieinheiten aus Brixton zu verhandeln. Zum zweiten Mal innerhalb 24 Stunden lehnte die Polizei jedes Angebot zur Deeskalation ab.

“Who are those bloody rebels?”
“Oh, it’s alright, they are our own bloody rebels.”

Gespräch zwischen zwei Polizisten bei der Ankunft der zivilen Schlägertrupps der Polizei

In der von brennenden Häusern und Autos erhellten Nacht verlegte sich die Polizei auf eine neue Taktik und schickte mit Holzprügeln bewaffnete Zivilpolizisten in großer Zahl in das Viertel, die sich mit den Aufständischen blutige Schlägereien in den Straßen lieferten. Dennoch stand das Polizeiaufgebot kurz vor dem Zusammenbruch. In diesem Moment kam die Idee, Feuerwehrschläuche als improvisierte Wasserwerfer zu verwenden, um die so durchnässten Jugendlichen zur Aufgabe zu bewegen. Eine erfolgreiche Strategie, wie sich einer der Officers erinnert: “Within five or six minutes probably, certainly ten minutes at the most, everything had died down.” Brixton hatte seinen Standpunkt klargemacht, die Jugendlichen zogen sich zurück um ihren Sieg zu feiern: “Everybody had drink and new clothes to show off… and the DJ had lyrics written specifically for the occasion!” – Alex Wheatle, Anwohner.

“Brixton riot dem a murder / police couldn’t push it any further!”
Songtext auf einer Riot-Afterparty

In den wenigen Stunden des Aufstands in Brixton brannten 30 Gebäude aus, über hundert Gebäude wurden beschädigt und dutzende von Autos gingen in Flammen auf, Sachschäden im Wert von sieben Millionen Pfund waren verursacht worden. Knapp 300 Polizisten und 45 Aufständische wurden zum Teil schwer verletzt. Schätzungsweise 5.000 Brixtoner Jugendlicher beteiligten sich am Widerstand. Die britische Polizei hatte die schlimmste moralische Niederlage ihrer Geschichte zu verantworten. Dass die Battle for Brixton keine Toten gefordert hat, grenzt an ein Wunder. Das Zeichen, das von Brixton ausgegangen war, konnte in Großbritannien nicht ignoriert werden. Zuerst versuchte Politik und Polizeiführung, eine “kriminelle Minderheit” im Viertel für die Ausschreitungen verantwortlich zu machen. “We despised them, and what they represented, Thatcher and everyone, despised them, hated them.” – Alex Wheatle, Anwohner.

Scarman-Report: victory at last

Unter dem Druck der öffentlichen Debatte über den Aufstand in Brixton beauftragte Margaret Thatcher Lord Scarman mit einer offiziellen Untersuchung der Vorfälle. Am 25. November 1981 veröffentlichte Scarman seinen Report zu den Brixton Riots, das Ergebnis ein Schock für das britische Establishment: Hauptverantwortlich für den Ausbruch der Gewalt zwischen Staatsgewalt und Viertel war institutionalisierter Rassismus in der Polizei, keine “schwarzen Kriminellen”: “the police had lost the consent of the local community.” – Scarman Report

Dieser Bericht diente als Grundlage dafür, in Großbritannien erste Reformen im Umgang zwischen Polizei und Gemeinden anzustoßen und endlich institutionalisierten Rassismus in der Staatsmacht als unbestreitbare Tatsache festzuhalten. Für die aufständischen Jugendlichen in Brixton und anderen Vierteln des Landes war es der Beweis, dass ihr Widerstand gegen die Repression nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig gewesen war.

“Shocking to see what we’ve done… but with that, pride as well, that we stood up.”
Alex Wheatle