“Der Vierte Stamm Bayerns” – die Sudetendeutsche Jugend

Die Sudetendeutschen holte Adolf Hitler 1938 “Heim ins Reich”, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben. Die Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung hat in den Sudetendeutschenverbänden immer wieder auch Rechtsextreme angezogen. Die Königlich Bayerische Antifa hat sich mit einem Vertreter der Sudetendeutschen Jugend über einige Missverständnisse und Vorurteile unterhalten.

Du bist Mitglied in der Sudetendeutschen Jugend, also in der Jugendorganisation eines Vertriebenenverbandes. Wir müssen gestehen, dass da bei uns erst einmal die politischen Alarmglocken schrillen. Vertriebenenverbände, das klingt nach Erika Steinbach, nach Geschichtsrevisionismus und „Blut-und-Boden“-Ideologie… haben wir da ein schiefes Bild?

Leider ja. Mit diesen Bildern wird man oft konfrontiert, einerseits ist dies historisch gesehen ja nicht abwegig, andererseits habe ich aber oft das Gefühl, dass man sich oftmals der alten Klischees bedient und dabei nicht den Wandel im Blick hat, der sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch unter den Vertriebenen vollzogen hat. Erika Steinbach ist beim Bund der Vertriebenen Geschichte, sie verlor dort in Rekordgeschwindigkeit an Unterstützung und Einfluss, sie wollte ihren Nachfolger verhindern, da er in ihren Augen zu liberal und nachgiebig ist, ist damit allerdings vollkommen auf die Nase gefallen.

In der Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft stand ja das Ziel der „Wiedergewinnung der Heimat“, das könnte man durchaus geschichtsrevisionistisch verstehen und wurde deswegen auch ersatzlos gestrichen. Zugegeben, das war eine massiv idiotische Formulierung aus den Anfangstagen, ich verstand diese allerdings nie in einem „Heim-ins-Reich“-Sinn, sondern eher als Aufruf zum Brückenbau zu den Landsleuten meiner Großeltern in der Tschechischen Republik, also die Wiederaufnahme von Beziehungen zur „alten“ Heimat. Gott sei Dank ist dies nun unmissverständlicher formuliert.

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist ideologisch offenbar alles andere als homogen. Es gibt drei prägende sog. „Gesinnungsgemeinschaften“ innerhalb des Verbandes, die für unterschiedliche politische Richtungen stehen. Kannst du uns erklären, was man sich darunter vorzustellen hat und in welcher davon du dich selbst verortest?

Wirklich prägend sind diese „Gesinnungsgemeinschaften“ nicht mehr, das war früher allerdings anders. Im engeren politisch sind nur zwei davon, der sogenannte „Witikobund“, welcher sich am äußersten rechten Rand verorten lässt, und die Seliger-Gemeinde. Zweitere repräsentiert die Sozialdemokraten in der sudetendeutschen Volksgruppe und sieht sich explizit als Nachfolgerin der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei der ersten tschechoslowakischen Republik und ist nach deren erstem Vorsitzenden benannt. Als dritte gibt es noch die Ackermann-Gemeinde, diese vertritt die Katholiken und ist daher eher konfessionell als politisch, was sich allerdings auch nicht ausschließt.

Ich persönlich bin katholisch, dafür brauche ich aber keine sudetendeutsche „Gesinnungsgemeinschaft“, ich bin hingegen sogar zahlendes Mitglied bei der Seliger-Gemeinde. Nicht dass ich Sozialdemokrat wäre, bei aller Sympathie und Respekt im politischen Diskurs, das ist einfach nicht meine „Gesinnung“ (und ich finde – mit Verlaub – dieses Wort sowieso zum Kotzen). Aber zwei Aspekte verbinden mich sehr mit der Seliger-Gemeinde, einerseits, dass mein Urgroßvater in der ersten tschechoslowakischen Republik Mitglied der DSAP war und nach dem Münchner Abkommen und dem Einmarsch der Hitler-Truppen tapfer an seiner Einstellung festgehalten und diese auch öffentlich gezeigt hat und andererseits weil die Seliger-Gemeinde ganz klar und völlig unmissverständlich antifaschistische Positionen vertrat und vertritt und sich auch seit jeher für grenzüberschreitende Zusammenarbeit, Begegnung und Dialog eintritt.

Wie ist das Verhältnis zum deutschnationalistischen Flügel der Landsmannschaft in der Gegenwart? Sind diese Leute in die Verbandsarbeit eingebunden? Wie geht ihr als Jugendorganisation mit dem “Witikobund” um?

Im Zeitraum der 50er, 60er und 70er Jahre war der „Witikobund“ die prägendste Strömung innerhalb der Landsmannschaft. Damals präsentierte er sich in weiten Teilen deutschnational, vielleicht vergleichbar mit dem rechten Flügel der Unionsparteien. Politisch wirklich nicht mein Wetter, aber von älteren Mitgliedern der Landsmannschaft wurde mir berichtet, dass dort Persönlichkeiten tätig waren, die trotz inhaltlicher Differenzen zu respektvollem Umgang im politischen Diskurs fähig waren. Seitdem ich hier tätig bin, ist das überhaupt nicht mehr der Fall. Wenn die SdJ und der „Witikobund“ etwas gemeinsam haben, dann dass sie faktisch der sudetendeutschen Volksgruppe entwachsen sind.

Die SdJ indem sie nicht nur die Nachfahren der Sudetendeutschen ansprechen will, sondern eben alle jungen Menschen, die sich für den böhmisch-mährischen Kulturraum interessieren, Begegnung suchen oder auch in Deutschland lebende Tschechen. Der „Witikobund“ hingegen wurde inzwischen zum Sammelbecken von Rechtsradikalen weit über die Volksgruppe hinaus. Dort tummeln sich neben Vertretern anderer ostdeutscher Landsmannschaften auch „Reichsbürger“, Verschwörungstheoretiker und eben alles unappetitliche, das man in rechten Kreisen finden kann. Der Versuch ist klar, man will unter den Vertriebenen und deren Nachkommen Unterstützer finden, das klappt aber nicht. Der „Witiko-bund“ spielt keinerlei Rolle innerhalb der Sudetendeutschen Landsmannschaft mehr, man bemerkt seine Mitglieder eigentlich nur dadurch, dass sie versuchen das Rad der Zeit juristisch zurückzudrehen und die Landsmannschaft mit Klagen überziehen.

Aber auch hier ist ihnen nun entweder das Geld oder die Lust abhanden gekommen, letztinstanzlich bekam die SL immer recht. Selbst bei jährlichen Treffen der Volksgruppe, dem Sudetendeutschen Tag, hat der „Witikobund“ keinen eigenen Stand mehr und darf auch keine Veranstaltung mehr dort abhalten, zu oft wurde unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Referenten eingeladen, die einfach thematisch und weltanschaulich nicht zum Sudetendeutschen Tag passten. Dies gilt übrigens auch für die „AfD“, die gerne einen Stand hätte, diesen aber nie bekommt. Der Umgang der SdJ mit dem „Witikobund“ ist ganz einfach: Es gibt einen Unvereinbarkeitsbeschluss was die Mitgliedschaften betrifft. Ein „Witikone“ kann der SdJ nicht beitreten, tritt ein SdJler den „Witikonen“ bei, so fliegt er oder sie raus. In Publikationen des „Witikobundes“ wird an der SdJ nie ein gutes Haar gelassen, das macht uns schon richtig stolz, denn das ist der Beweis, dass wir vieles richtig gut machen.

Kommen wir zu unserem Lieblingsthema: „Heimat“. Wie kommt man um Vorstellungen von „Blut-und-Boden“ und anderen völkischen Unfug herum, wenn man als Vertriebenenverband einen politischen Umgang mit der Heimat sucht? Musstet ihr den sudetendeutschen Heimat-Begriff noch einmal komplett neu erfinden oder gibt neben „Volksgemeinschaft“ auch noch andere, emanzipiertere Heimattraditionen, auf die ihr euch berufen könnt?

Heimat ist etwas zutiefst individuelles. Ich persönlich finde, dass man mehr als eine Heimat haben kann, Heimat hat auch immer etwas mit Wohlbefinden zu tun und ich kann meine Heimat nicht in einem Wort beschreiben. Am ehesten wohl mit dem Begriff der Familie. Klar, ich bin Niederbayer und sehr zufrieden damit, aber es gibt diese spezifisch böhmischen oder mährischen Aspekte in Sachen Tradition und Kulinarik, die mich von meinen „nicht-sudetendeutschen“ Freunden unterscheiden. Studien- und berufsbedingt war ich im Exil in der Oberpfalz, Unterfranken und Bayerisch-Schwaben, habe mich dort überall „dahoam“ gefühlt, hatte aber immer zeitlang nach meiner Heimatstadt. Ich habe sogar mehrfach Verstöße gegen das Meldegesetz begangen, nur um mein Autokennzeichen zu sichern.

Auf keinen Fall hat meine Idee von Heimat etwas mit „Blut-und-Boden“ oder „Volksgemeinschaft“ zu tun. Das erste mal habe ich den Begriff Heimat richtig verstanden, als ich mit 14 das erste mal im Heimatort meiner Großeltern mütterlicherseits im Böhmerwald war. Mein Onkel Beppi war bei der Vertreibung ebenfalls 14, er zeigte mir an jenem Tag jedes Eckerl des Ortes, begleitet von 1000 Anekdoten aus seiner Kindheit dort, er war dabei aufgeregt wie ein kleiner Bub. Am Ende des Tages als wir wieder fahren wollten, mussten wir ihn aus einer böhmischen Boazn raus ziehen, wo er nach einigen „Pivo“ sich bestens mit den dortigen Tschechen unterhalten hatte und denen ebenfalls von seiner Kindheit dort berichtete. Als es meinen Eltern und mir nach einigen Mühen gelungen war, ihn ins Auto zu verfrachten, da sagte er zu mit: „Schee wars, aba jetzt fahrma wieder hoam!“

Bis zu diesem Zeitpunkt meinte er mit „dahoam“ immer seinen Heimatort im Böhmerwald, seit dem Tag aber den Ort, wo seine Kinder und Enkel auf ihn warteten. Da hat mich tief beeindruckt und zwar bis heute. Heute bin ich erwachsen und habe einen Sohn, dessen Großväter in Mähren und Kasachstan geboren wurden. Genau das ist der Grund, warum mein Bub eben ein waschechter Niederbayer ist. Genauso wie ich, denn ohne die vermaledeite Vertreibung hätten sich mein mährischer Papa und meine böhmerwäldler Mama nie in Niederbayern kennen und lieben gelernt.

“Heimatliebe hat mit Vaterlandsverehrung nichts zu schaffen.“ hat Erich Mühsam einmal gesagt. Könnte die Sudetendeutsche Jugend das unterschreiben?

Total!

Wo siehst du ganz persönlich die Aufgaben und Verantwortung einer Sudetendeutschen Jugend in der Gegenwart?

Die SdJ ist ja ein Dachverband verschiedenster Gruppen, die sich mit Kultur, internationalen Begegnungen und Politik bzw. Geschichte befassen. Wir haben sehr viele Kulturgruppen, die einerseits Musik, Tanz und Trachten bewahren, aber andererseits auch weiterentwickeln. Es ist also überhaupt nicht die Aufgabe der SdJ zu musealisieren, ganz im Gegenteil! Kultur lebt ja gerade vom Wandel und Offenheit, dazu tragen wir schon unseren Teil dazu bei. Im politisch und historischen Bereich sind wir natürlich auch tätig, allerdings mit klarer Ausrichtung auf die Zukunft.

Beim deutsch-tschechischen Verhältnis kommt uns natürlich zuerst historische Schuld in den Sinn. Wie geht ihr mit den üsteren, nationalsozialistischen Kapiteln der sudetendeutschen Geschichte um, und wie gehen eure tschechischen Freund*innen damit um?

Historische Aufarbeitung darf kein Selbstzweck sein, besonders nicht wenn es um die deutscheste aller Fragen „Wer hat Schuld?“ geht. Ich bin selber studierter Historiker und mich ödet dieses „Es gab eine Geschichte vor 1938“-Gelaber echt an. Damit wollen einige der ersten tschechoslowakischen Republik die Schuld in die Schuhe schieben, dass die Sudetendeutschen unbedingt „Heim-ins-Reich“ wollten. Aber es gibt doch die Geschichte vor 1918 oder 1618 oder noch länger.

Fakt ist, dass die böhmischen Länder ein Hort der Hochkultur waren, in dem Menschen verschiedener Muttersprache und verschiedener Religionen friedlich und einträchtig miteinander lebten. Gerade die Zusammenarbeit von Tschechen, Deutschen und Juden machten Prag und das restliche Böhmen zu einem ganz besonderen Bestandteil Europas. Dass dies zu bröckeln begann ist die Folge zahlreicher extrem schlechter Ideen des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Nationalismus und der Antisemitismus, die oftmals als Werkzeuge zur Machtsicherung oder -ausbau benutzt wurden. Und genau bei der Geschichte, die uns verbindet anstatt zu trennen, setzen wir an und versuchen so eine Zukunft zu gestalten. Wir wollen uns nicht von irgendwelchen Großkopfaden vorschreiben lassen, wer wir sind oder wer zu uns gehört, das entscheiden wir schon selber.

Das geht unseren tschechischen Freundinnen und Freunden sehr ähnlich. Die haben mit Sojka – spolek mladých ihren eigenen Verband gegründet, mit dem wir seit nunmehr 30 Jahren zusammenarbeiten. Es mag den einen oder anderen in der Landsmannschaft geben, der uns dafür kritisiert, dass wir mit den Nachkommen der „Vertreiber“ zusammenarbeiten. Das ringt uns aber höchstens ein müdes Lächeln ab. Genauso wie einer tschechischen Freundin, die jahrelang als Teilnehmerin und später als Betreuerin an gemeinsamen Zeltlagern teilgenommen hat und von ihrer Oma gefragt wurde, ob sie denn wieder zur „Hitler-Jugend“ fahre. Natürlich fällt es uns nicht leicht sich in die Gedanken von Menschen hineinzuversetzen, die Nazi-Besatzung oder Vertreibung miterlebt haben, aber vielleicht ist das auch gar nicht unsere Aufgabe. Wir müssen uns nicht versöhnen, denn wir waren ja nie zerstritten, wir müssen uns für nichts entschuldigen, denn wir haben nichts verbrochen.

Was wir allerdings müssen ist aus der Vergangenheit lernen! Nationalismus und Antisemitismus trennen, sie töten sogar. Deswegen müssen wir stets die Antennen ausfahren und sensibel reagieren, alle Gefahren registrieren und sofort mit allem was zur Verfügung steht entgegensteuern.

Gibt es das Bewusstsein einer antifaschistischen Verantwortung vor der Geschichte in der Sudetendeutschen Jugend? Wie würdest du das Verbandsverhältnis und deine ganz persönliche Beziehung zu Antifaschismus beschreiben?

Ganz klar! Der Nationalismus, der schließlich im Hitler-Faschismus seinen Höhepunkt fand, ist ja schließlich ursächlich für das große Leid der Tschechen, das schließlich zur Rache verbunden mit Rechtlosigkeit, Entwurzelung und oftmals auch Tod von Sudetendeutschen führte. Quasi halt der ewige Teufelskreis. Der Faschismus definiert doch ein „wir“, das über allem anderen, besonders dem Individuum, steht.

Die SdJ ist ein sehr heterogener Haufen, so wie es ja jede Gesellschaft sein sollte. Wir wollen unter Wahrung der Einzigartigkeit des Einzelnen unser Motto „Mehr Gemeinschaft. Mehr Verständnis.“ erreichen und widerspricht so der faschistischen Ideologie. Mir persönlich ist keine Aktive und kein Aktiver der SdJ bekannt, die oder der je irgendetwas rechts der Unionsparteien gewählt hat. Schülerinnen von mir haben einmal im Schulgebäude Plakate aufgehängt mit dem Spruch „Wer nicht rechts ist, ist nicht links, sondern normal!“. Das trifft auf mich auch zu, ich bin nun wirklich nicht links (*lacht*), aber mich widert jegliche Form von Populismus, Rechtskonservatismus, Geschichtsverharmlosung, „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“-Gesülze, halt alles, was Ihr Protofaschismus nennen würdet, extrem an. Und da werde ich mich auch immer völlig entgegen stellen.

Schließlich bin ich Geschichtslehrer und das ist meine Pflicht. Das bayerische Volk bezahlt mich gut dafür und die bayerische Verfassung erteilt mir im Artikel 131 auch explizit den Auftrag dazu. Die Libertas Bavariae ist doch das absolute Gegenteil von Faschismus und somit ist der Freistaat Bayern in seiner Idee die staatliche Manifestation des Antifaschismus.

„Heimat“ spielt auch im Kontext der Flüchtlingsdebatte eine Rolle. Fühlst du dich Geflüchteten näher verbunden, weil es in deiner Familie ja doch ähnliche traumatische Erfahrungen gegeben hat? Und wie steht die Landsmannschaft offiziell zur Aufnahme von Menschen in Not?

Natürlich fühle ich mich mit heutigen Geflüchteten sehr verbunden, schließlich teilen sie das Schicksal meiner Vorfahren. Niemand verlässt seine Heimat ja freiwillig, es stehen immer Zwänge dahinter. Hier gilt es immer und überall Solidarität zu üben und auch im Alltag beizustehen. Die Landsmannschaft sieht das sehr ähnlich. Natürlich gibt es auch dort Leute, die meinen, dass das Schicksal der Sudetendeutschen etwas anderes sei, schließlich seien es ja Deutsche gewesen. Da empfehle ich allerdings immer, dass mal genau nachgefragt wird.

Meinem Großvater wurde mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass er ein Fremder ist, ein „Zigeuner“, der selbst schuld ist und auch in seiner Heimat bleiben hätte können, hätte er sich nur „anständig aufgeführt“. Und das obwohl er katholisch war und einen bayerischen Dialekt sprach wurde er in Niederbayern nie vollständig akzeptiert. Wie war es dann erst bei Protestanten aus Ostpreußen? Mir ist ein Fall bekannt, in dem eine Frau, die als Teenagerin aus dem Sudetenland vertrieben wurde einen syrischen Flüchtling bei sich aufnahm und bei der Integration und Spracherwerb unterstützte. Dieses Engagement sei aus ihrer eigenen Erfahrung als Vertriebene entstanden.

Ich würde mir wünschen, dass dies eher die Regel als die Ausnahme wäre. Bei einer SdJ-Kulturgruppe wurde auch ein syrischer Flüchtling aufgenommen, der regelmäßig zu den Gruppenstunden kam und schnell zum Spezialisten für böhmische Volkstänze wurde. Beim Sudetendeutschen Tag berichtete er über seine Flucht, was viele Zuhörer sehr interessiert aufnahmen. Damals tat er dies noch auf Englisch, ein Jahr später beherrschte er schon die deutsche Sprache mündlich vui bessa oiswia i.

Wie viel Sudetenland steckt noch in dir? Oder ist die Integration in Bayern in der dritten Vertriebenengeneration doch endlich erfolgreich abgeschlossen?

Ganz viel und irgendwie gar nichts. Das liegt auch an der Begrifflichkeit. „Sudetenland“ ist ja eigentlich ein Kunstwort für die deutsch besiedelten Gebiete der ehemaligen Tschechoslowakei. Und dieses Sudetenland war auch in sich sehr heterogen. Manche Traditionen, die wir in unserer Familie pflegen sind halt explizit aus dem Bereich woher meine Vorfahren stammen, also Böhmerwald und Iglauer Sprachinsel. Und so habe ich zwei Seiten, eine niederbayerische und eine böhmisch-mährische.

Die Integration ist schon seit der Generation meiner Eltern abgeschlossen, der Freistaat Bayern machte dies auch durch gezielte Politik gut möglich. Spätestens seit der Erhebung zum Vierten Stamm (begonnen durch Ministerpräsident Hoegner und vollendet durch Ministerpräsident Goppel) wurde diese auch staatspolitisch manifestiert. Und Bayern ist so schön, da würde es nicht wundern, wenn es irgendwann einen Fünften, Sechsten, Siebten, etc. Stamm geben würde.

Vielen Dank für deine Zeit, liebe Grüße an den Vierten Stamm aus Franken, Schwaben und Altbayern, schön dass ihr da seids!

Dankschee, hod mi saggrisch gfreit!