Kritik an der Polizei? Aus Tradition!

Wir wollten eigentlich nichts dazu schreiben, zum lächerlichen Aufstand über den satirischen Text von Hengameh Yaghoobifarah gegen die Polizei in der taz. Erwartbar, dass die ultra-rechte DPolG mit politischem Schaum vorm Mund über dieses Stöckchen springt wie ein Bull-Terrier und daraus ne öffentlichkeitswirksame Klage bastelt, die wirklich niemanden interessieren müsste. Traurig genug, dass die GdP sich ernsthaft nicht zu schade ist, der DPolG in diesem abstrusen Blödsinn mit einer eigenen Klage politisch hinterherzuhüpfen. Wenn dann allerdings auch ein deutscher Innenminister eine linke Journalist*in verklagen will, weil die eine Polemik auf die Polizei veröffentlicht, dann hört das Ganze ganz schnell auf, lustig zu sein.

Wir sagen das in aller Deutlichkeit: Kritik an der Polizei, in aller Schärfe und Freiheit, ist ein Grundpfeiler der Demokratie. Was die Kolleg*in Yaghoobifarah geschrieben hat, ist eindeutig ohne den leisesten Zweifel von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt. Polizei-Kritik ist so sehr zeitlos notwendig, dass sie vielerorts kulturell fest verankert Jahrhunderte zurückgeht. Weil da wo arme Menschen sind die Staatsgewalt nie als ein positives Element wahrgenommen wird, sondern als Instrument der Repression, Ausbeutung und Gewalt. Wer das nicht glauben will, soll einen Blick in die Klassiker bayerischer Volksmusik werfen, denn diese Menschen haben Lieder über ihre Erfahrungen mit der Polizei (‘Gendarmerie’) geschrieben und in ganz Bayern gesungen, und man singt sie noch heute. Und der inhaltliche Tenor dieser Lieder ist ein ziemlic eindeutiges: ‘Ganz Bayern hasst die Polizei’.

Die Feinseligkeit der einfachen Bevölkerung gegenüber der Staatsgewalt lässt sich in jeder Zeile greifen, auch wenn die die Lieder natürlich zum Teil satirisch überzogen sind. Die historischen Figuren und Ereignisse dahinter sind zum guten Teil historisch belegt. Und wer wurde in diesen Liedern zu Helden des einfachen Volks? Der ‘Boarische Hias’, Michael ‘Räuber’ Heigl, Mathias ‘Räuber’ Kneißl, der ‘Wildschütz’ Jennerwein … Räuber, Diebe und ‘Cop-Killer’ würde man heute sagen.

Im Lied vom ‘Boarischen Hias’ heißt es als unmissverständliche Drohung:

“Und kommt die letzte Stunde und schliaß i d’Augen zua,
Soldaten, Schergn, Jaga, erscht dann habts enga Ruah.”

Im Kneißl-Lied über eine versuchte Festnahme Kneißls, bei der er zwei Gendarmen in einem Schusswechsel so schwer verletzte, dass sie daran später verstarben:

“Es war bei Altomünster, war dunkel und scho finster,
da kemma zwoa ins Haus, mir sitzn ebn beim Schmaus.
Da Flecklbauer sagt: „Geh, Hiasl sei net zwider,
nimm aussa deinen Drilling und schiaß de zwoa glei nieder!“

Kneißls Vater und Bruder waren in seiner Jugend von Polizisten ermordet worden, in der bayerischen Bevölkerung wurde die Tat als Notwehr Kneißels, schlimmstenfalls unglücklicher Totschlag gesehen.

Das Wilderer-Lied “Hob di scho daseng” ist eine einzige Aneinanderreihung von Drohungen, die ein Wildschütz gegen einen ihm persönlich verhassten Jäger ausstößt (Jäger nahmen in Bezug auf die Repression der einfachen Bevölkerung oft Polizeiaufgaben wahr):

“Und beim Zwölfeläutn siehgst mi vo da Weitn,
Jaga, fürchst di ned alloa im Woid?
Jaga, hast dein Stutzn (Gewehr), Jaga, möchst mi putzn,
Jaga, woaßt as wia da Stutzn schnoit?”

Im “Wirtzsepperl z’Garching” widersetzt sich der Held der Geschichte gewaltsam seiner Festnahme durch Gendarmen, nachdem er zuvor dreimal aus dem Armeedienst desertiert ist.
Es ließen sich hier noch dutzende Beispiele anführen, wir wollen mit einem eindrücklichen Interview-Auszug schließen, den der Bayerische Rundfunk irgendwann in den 1950ern aufgenommen hat, mit einem uralten Zeitzeugen des ‘Räuber’ Kneißl, der zu seiner Meinung zu den Ereignissen und Kneißls Hinrichtung befragt wird:

Jakl: “Der Gendarm, den hob I guad kennt, der war vom Eisach, der is na nauf und hodn (Kneißl) mim G’wehrkolben niederg’haut, ned wahr? Na hamsn runter.”
(…)
Reporter: “Moanans des ned, dass do a Todesstrafe angebracht war, wenn ma zwoa Gendarme daschiaßt?”
Jakl: “Naa.”
Reporter: “Ned?”
Jakl: “Naa.”
Reporter: “Ja, warum na ned?”
Jakl: “Zu meiner Zeit san bloß de Raubmörder kepft worn, sunst koana!”
Reporter: “Und wos häd ma mit de andern doa solln?”
Jakl: “Na, sie hättn earm (Kneißl) 15 Jahr Zuchthaus gebn kenna, mehr ned!”
Reporter: “… er war hoid a Wuiderer (Wilderer).”
Jakl: “Ja, a Wuiderer, ned wahr…”

Ein Verbot von Polemik gegen die Polizei bedeutet das Verbot bayerischer Tradition. Wer mit einer Staatsgewalt konfrontiert ist, muss das Recht haben, seinem Ärger darüber öffentlich Luft zu machen, damals wie heute. Wir finden es bezeichnend, wenn eine Institution wie die Polizei kollektiv lieber den Klageweg gegen Satire und Polemik beschreitet, statt sich mit dem Anlass des Spotts ernstlich auseinanderzusetzen. Die dahinterstehenden Missstände sind nämlich im Gegensatz zu taz-Artikeln wirklich potenziell bedrohlich für eine Demokratie.

Bayerische Solidarität mit Hengameh Yaghoobifarah!