Revolution von Rechts – Interview mit der Regensburger Historikerin Christiane Fuchs über Armin Mohler

Frau Fuchs, Sie haben Ihre Abschlussarbeit über den rechtsradikalen Publizisten Armin Mohler geschrieben. Mohler ist außerhalb der Forschung kaum jemandem bekannt, doch seine Ideen haben wesentlich die deutsche Rechte nach 1945 mit geprägt. Können Sie uns kurz erklären, wer Armin Mohler war und was er gedacht hat?

Armin Mohler (1920-2003) arbeitete zeit seines Lebens daran, faschistische Ideologien und rechte Vordenker, die nicht selten auch geistige Wegbereiter des nationalsozialistischen Regimes waren, in der Bundesrepublik zu rehabilitieren. Er wird heute oft als einer der zentralen Vordenker der Neuen Rechten charakterisiert und wird in deren Kreisen bis heute rezipiert. Mit seiner Dissertation 1949 schuf Mohler das Konstrukt der „Konservativen Revolution“ als einer vermeintlich vom Nationalsozialismus abzutrennenden antidemokratischen und antiliberalen Geistesströmung rechter Denker der Zwischenkriegszeit. Schon früh polemisierte er gegen die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, forderte eine Generalamnestie für Nazi-Verbrecher und zog in seinem Spätwerk offen die Existenz von Gaskammern in Auschwitz in Zweifel.

Sie sprechen von einer “vermeintlich vom Nationalsozialismus abzutrennenden Geistesströmung”, die Mohler vertrat. Lässt sich die Gedankenwelt Mohlers vom Nationalsozialismus klar abgrenzen? Ist das ein “anderer” Faschismus?

Mohlers Versuche, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, waren eher strategischer Zurückhaltung geschuldet. Historisch schwerlich haltbar, versuchte Mohler faschistische Regime und Bewegungen wie Italien unter Mussolini, die Falange um den spanischen Faschisten Primo de Rivera oder Oswald Mosleys British Fascists vom offenkundig diskreditierten Nationalsozialismus ideologisch abzutrennen, um ersteren wieder eine politische Legitimität zuzusprechen. Nichtsdestoweniger hat er wenig Berührungsängste mit dem Nationalsozialismus Der Baseler Mohler überquerte 1942 illegal die Schweizer Grenze und meldete sich freiwillig bei der Waffen-SS. Nachdem seine Aufnahme dort scheiterte, studierte er ein Semester im nationalsozialistischen Berlin. Mit seiner Dissertation rehabilitierte er rechtsintellektuelle Denker, die z.T. direkt mit dem nationalsozialistischen Regime verstrickt waren oder zumindest als ihre geistigen Wegbereiter gelten. Die Briefwechsel, die er nach Kriegsende mit ehemaligen, z.T. hochrangigen NS-Funktionären unterhielt, sind durch und durch wohlwollend. In einem Brief an ehemaligen SS-Hauptsturmführer Jakob Wilhelm Hauer bekennt er, dass im Nationalsozialismus auch „sehr wertvolle Kräfte“ am Werk gewesen seien. In seiner autobiografischen Schrift „Der Nasenring“ (mit Hakenkreuz-Symbolik auf dem Buchcover) relativiert er die NS-Schreckensherrschaft mehrfach und bedient klassische Argumentationsmuster zur Leugnung der Shoah.

The historian Christiane Fuchs has studied Armin Mohler, who still has an influence on the right-wing extremist scene today..

Hat Mohler für sich im stillen Kämmerlein geschrieben, oder war er Teil eines größeres Netzwerks?

Der Rechtsintellektuelle, zeitweise tätig als Privatsekretär von Ernst Jünger, baute sich früh ein rechtes Netzwerk auf. Seine Verbindungen reichten von prominenten Altnazis wie dem NS-Kronjuristen Carl Schmitt, dem SS-Mann Werner Best oder auch dem späteren Soziologie-Professor Arnold Gehlen, der unter dem Hitler-Regime eine „Philosophie des Nationalsozialismus“ schreiben wollte. Auch zur nachkommenden Generation der radikalen Rechten pflegte er Kontakte, beispielsweise zum „Nationalrevolutionär“ Henning Eichberg und dem Vertreter der Neuen Rechten, Günter Maschke. Mit Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek gehören zudem zwei Rechtsintellektuelle zu seinen Schülern, die heute in der neurechten Szene beide eine Schlüsselrolle einnehmen. Auch international war Mohler vernetzt, wie seine Kontakte zum italienischen Rechtsesoteriker Julius Evola und zum Franzosen Alain de Benoist, führender Kopf der Nouvelle Droite, belegen.

Pflegte Mohler Kontakte außerhalb der rechtsradikalen Szene?

Ja, es war Teil seiner politischen Strategie – die wir heute ja auch in der Neuen Rechten vorfinden – eine bürgerlich-konservative Mitte nach rechts zu rücken. Das äußert sich zum einen in seinen Versuchen parteipolitischer Einflussnahme. In den 50er Jahren arbeitete er am Grundsatzprogramm der „Deutschen Partei“ mit, zog sich dann aber wieder zurück, weil ihm die Forderungen der Partei zu gemäßigt waren. In den 60ern befand er sich im engeren Umfeld von Franz Josef Strauß, schrieb u.a. auch Reden für ihn und konnte einen seiner engsten Vertrauten, den Rechtsaußen Marcel Hepp, als persönlichen Referenten von Strauß platzieren. In den 80er wiederum unterstützte er seinen Freund Franz Schönhuber in der Anfangsphase der rechtsradikalen Partei „Die Republikaner“. Zum anderen versuchte er auch auf einer metapolitischen Ebene Diskurse von rechts zu besetzen. Neben seinen oben geschilderten geschichtspolitischen Standpunkten fallen hier vor allem seine Versuche auf, den Konservatismus-Begriff von rechts mit antidemokratischen und antiliberalen Inhalten zu besetzen. Interessant ist in dem Zusammenhang auch die gemeinsam mit dem Rechtsintellektuellen Caspar von Schrenck-Notzing gegründete Zeitschrift „Criticón“, die die beiden als ein Organ zur rechten Theoriebildung und „geistige Gegenwehr“ verstanden haben wollten. Sie beschränkten sich mit ihrer Zeitschrift bewusst nicht auf eine dezidiert rechtsradikale Nische. Stattdessen reichte das Autorenspektrum und die Zielgruppe vom (demokratischen) rechten Flügel der Unionsparteien bis zu antidemokratisch gesinnten, rechtsradikalen Vertretern insbesondere aus dem Umfeld der Neuen Rechten. Auch Alexander Gauland veröffentlichte dort.

Mit Götz Kubitschek steht ein eifriger Schüler Mohlers als geistiger Ziehvater hinter Björn Höcke und seiner AfD. Gerade erst wies der Historiker Volker Weiss darauf hin, dass auch der Berater des CDU-Vorsitzenden in Thüringen, Karl-Eckhart Hahn, in diesem ideologischen Sumpf der Neuen Rechten unterwegs war. Tragen die ideologischen Samen, die Mohler und andere gepflanzt haben, gerade ihre politischen Früchte?

Sicherlich lässt sich der massive Rechtsruck der vergangenen Jahre nicht monokausal erklären. Sozialwissenschaftliche Studien belegen seit langem erschreckend hohe Zustimmungsraten in der Bevölkerung für autoritäre und menschenverachtende Einstellungen. Mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland wurde eine offene Bezugnahme auf nationale Symbolik nicht nur normalisiert, sondern regelrecht zelebriert. Spätestens mit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ sind Forderungen einer unverhohlen rassistischen Bevölkerungspolitik in den bürgerlichen Diskurs auf breiter Ebene eingewandert.
Und insofern geht jetzt auch Mohlers Saat auf: Bis heute werden seine Schriften (mittlerweile verlegt im rechtsradikalen Antaios-Verlag) von intellektuellen Rechtsradikalen geschätzt. Mit seinem Konstrukt einer „Konservativen Revolution“ hat er einen immer noch virulenten Erinnerungsort für die radikale Rechte geschaffen. Auch die Parallelen zwischen den geschichtsrevisionistischen Äußerungen der AfD („Denkmal der Schande“, „erinnerungspolitische Wende“, „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“) und Mohlers geschichtspolitischen Positionen mit dem Ziel einer Enttabusierung des nationalsozialistischen Deutschlands sprechen Bände. Mit seinen jahrzehntelang gepflegten Netzwerken und seiner neurechten Publizistik hat Mohler für die gegenwärtige Rechte eine wertvolle Vorarbeit geleistet.

Sie sind nicht nur Wissenschaftlerin, sondern auch aktive Antifaschistin. Steht beides für Sie in einem Spannungsverhältnis zueinander?

Es steht in einem äußert produktiven Spannungsverhältnis zueinander. Geschichtsschreibung ist immer standortgebunden und somit niemals neutral. Wichtig ist, sich dessen auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit bewusst zu sein. Mein Zugang zur Geschichtswissenschaft ist einer, der an die Möglichkeit eines aufgeklärten und emanzipatorischen Subjekts als Grundlage einer befreiten und humanistischen Gesellschaft glaubt. In Zeiten eines massiven – auch intellektuellen – Rechtsrucks ist das wichtiger denn je. Wie entsprechende Äußerungen des Historikers Höcke oder auch von Alexander Gauland deutlich zeigen, arbeitet die Neue Rechte bewusst mit Geschichtsbezügen in ihrer politischen Inszenierung, betreibt Geschichtsklitterei und möchte mit ihrem Kampf für eine „erinnerungspolitische Wende“ den Weg zurück in ein faschistisches System ebnen. Auch hier gibt es eine deutliche Parallele zu Mohlers geschichtsrevisionistischen Bestrebungen. Gerade als Zeithistorikerin gilt es, diese Tendenzen kritisch einzuordnen und die rechtsradikalen Kontinuitäten von der NS-Zeit bis in die Gegenwart herauszuarbeiten.

Wir sagen herzlich Vergeltsgott für das Gespräch.