Die deutsche Kulturszene sieht rot

Ein Lockdown in Deutschland käme einem Berufsverbot gleich, argumentieren deutsche Künstler:innen. In Berlin demonstriert die Bewegung Alarmstufe Rot unter dem Motto „On Fire“ und fordert mehr Anerkennung und finanzielle Hilfen für die Kunst- und Veranstaltungsbranche.

Die Kultur- und Veranstaltungsbranche demonstriert in Berlin
Foto: Alarmstufe Rot

Die Veranstaltungsbranche ist die sechstgrößte in Deutschland: 2019 betrug der Umsatz rund 130 Milliarden Euro. Die Corona-Krise hat in diesem Jahr jedoch laut der Bewegung Alarmstufe Rot zu Umsatzeinbuchungen von 80 bis 100 Prozent geführt. Konzerte und Auftritte mussten abgesagt werden, obwohl Hygienekonzeptefür Veranstaltungen erarbeitet wurden. Dies zeige, dass man das Virus ernst nehme, weil man sich der Verantwortung der Pandemie bewusst sei.

Die Politik zeige für diese konstruktive Arbeit keine Dankbarkeit. Es habe lediglich „folgenlose Lippenbekenntnisse“ gegeben. Darum fordert die Branche nun, dass für die coronabedingten Schäden aufgekommen wird. Es gehe darum Kulturstätten zu retten und die Existenz von rund zwei Millionen Personen nicht auf das Spiel zu setzen.

Ein Untergang der Branche wäre fatal für die deutsche Wirtschaft, argumentiert Alarmstufe Rot. Der gesamte deutsche Mittelstand wäre davon betroffen. Darum fordert Alarmstufe Rot, dass die Politik das Problem endlich ernst nimmt.

Österreich macht’s besser

Der deutsche Nachbar Österreich habe in der Krise einiges besser gemacht. So gibt es bis zu 100 Prozent Fixkostenzuschuss, sollten die Umsätze ausbleiben. Dagegen kämen in Deutschland nur maximal 30 Prozent an. Zudem greift das Rettungsprogramm deutlich früher in Österreich und hat eine längere Laufzeit. Die deutsche Überbrückungshilfe von 560 Euro pro Beschäftigten reiche zudem nicht aus. In Österreich liegt sie bei 1395 Euro.

Daher müsse das Überbrückungsprogramm ausgeweitet werden: Eine Laufzeit von acht Monaten und darüber hinaus, wenn der Verlust bei über 60 % liegt. Diese Mittel sollen umgehend und nichtrückzahlbar für die gesamte Dauer der Pandemie bereitgestellt werden. Zudem sollen Kreditprogramme angepasst werden.

Eines der Hauptprobleme der Veranstaltungsbranche liegt auch darin, dass sie nicht gewerkschaftlich organisiert ist. In Österreich hat sich in diesem Jahr die IG Kabarett gegründet, die sich als „Interessenvertretung von KabarettistInnen, Kabarett-Spielstätten, AutorInnen und Agenturen“ versteht. Der deutsche Künstler Till Brönner forderte ähnliches in Deutschland in einem Video.

Suche nach einem Rettungsdialog

Der Unmut der deutschen Künstler:innen liegt auch darin begründet, dass andere Bereiche des Lebens wie Flugzeuge, Züge, Busse, Bahnen, Fitnessstudios, Schwimmbäder und Saunen sich wieder mit Menschen füllten, während zeitgleich von dem Besuch von Veranstaltungen abgeraten wurde, obwohl ein Hygienekonzept vorlag.

Ein „Rettungsdialog“ zwischen Vertretern von Alarmstufe Rot und der Politik soll verhindern, dass die Veranstaltungsbranche weiter abgehängt wird, fordert die Bewegung. So soll etwa ein Ausschuss für Veranstaltungswirtschaft im Deutschen Bundestag geschaffen werden, zusammen mit einem/einer Bundesbeauftragte:n für die Branche. Mit einem gemeinsamen und wissenschaftlich erarbeiteten Zukunftskonzept könnten außerdem größere Veranstaltungen durchgeführt werden, argumentiert Alarmstufe Rot. Nur so gewinne auch das Publikum wieder Vertrauen, Veranstaltungen zu besuchen.