Contrahistoria – Geschichte von unten (Rezension)

Die einstündige Dokumentation „Contrahistoria – Geschichte von unten“ beleuchtet die Arbeit der antifaschistischen Szene in Spanien und ihre Herausforderungen aufgrund der jüngsten spanischen Geschichte.

Der Film beginnt mit der Erinnerung an den 16-jährigen Antifaschist Carlos Palomino, der am 11. November 2007 von dem rechtsextremen Soldaten Josué Estébanez de la Hija erstochen wurde. Das Kamerateam von Left Report begleitete spanische Antifaschist:innen bei ihrem Gedenken an ermordete Genoss:innen. Dabei stellten sie die Frage nach faschistischer Kontinuität und staatlicher Repression.

Die Dokumentation besteht aus Interviews mit den Aktivist:innen, die über ihre gegenwärtigen und vergangenen Kämpfe erzählen. Das Narrativ des Films wird von diesen Gesprächen abgeleitet. Dies ist äußerst effektiv und wird dem Anspruch gerecht, die „Geschichte von unten“ zu erzählen. Gleichzeitig führt dies jedoch dazu, dass die Geschichte relativ einseitig in ihren Argumenten ist, worauf die Filmemacher:innen am Ende auch hinweisen. An dieser Stelle wären andere Stimmen aus dem gemäßigteren linken Bereich interessant gewesen, um eine insgesamt ausführlichere Kontextualisierung und Differenzierung vorzunehmen.

Einseitige Transición

Besonders auffällig wird die Einseitigkeit, wenn es um die Transición geht. Den Übergang zur Demokratie Ende der 70er Jahre als eine rein verschleierte Kontinuität des Franquismus zu sehen, greift dann doch etwas zu kurz, trotz wichtiger Kritikpunkte. Carmela, ehemaliges Mitglied der PCE(r), etwa sagte, dass jegliche „linken“ Parteien, die im neuen Parlamentarismus mitmachten, ihre Ideale verraten habe. Andererseits sind ihre Ausführungen zur fast vergessenen GRAPO wichtig.

Insgesamt bleibt die Übersicht zur Transición etwas verwirrend, weil wichtige Ereignisse nicht oder nur am Rande erwähnt werden. Sie zentriert sich um die polizeiliche Repression und das Amnestiegesetz von 1977. Die Legalisierung der PCE, die ersten freien Wahlen seit 1936 oder der franquistische Staatstreich vom 23. Februar 1981 bleiben hingegen vollkommen unerwähnt, was auch der Kürze des Films geschuldet ist. Hier ist positiv zu vermerken, dass am Ende die Zuschauer:innen aufgefordert werden, sich weiter zu informieren.

Anhand der forcierten Transición, bei denen dasselbe Personal, jetzt mit demokratischem Gewand, dieselbe Repressionspolitik aus der Franco-Politik weiterbetreibe, lasse sich erklären, warum in der Gegenwart wenig gegen den spanischen Rechtsextremismus getan wird. Dies ist in der Tat kaum übersehbar, aber auch kein rein spanisches Phänomen, worauf die Aktivist:innen auch hinweisen.

Dass Beweise und Akten vor Gerichtsverhandlungen verschwinden, kennt man auch aus Deutschland. Zahlreiche aufgedeckte Chats haben außerdem ein massives Rechtsextremismusproblem innerhalb der deutschen Polizei gezeigt. Dennoch gibt es einen kleinen, aber wichtigen Unterschied: In Deutschland ist der Aufschrei deswegen zumindest gefühlt größer, wenngleich politische Konsequenzen ausbleiben. In Spanien scheint dies hingegen völlig normal zu sein. Im Zweifel sind es „gute Spanier“ und keine Rechtsextremisten.

Besonders eindrücklich zeigt sich dies bei der Unterdrückung des als illegal deklarierten Referendums in Katalonien am 01. Oktober 2017. Hier feierte auch große Teile der sogenannten Mitte der Gesellschaft die Polizeigewalt gegen Katalan:innen. Die Einheit Spaniens ist für sie heilig – ein deutliches Überbleibsel der Franco-Diktatur.  

Viele Facetten des Faschismus

Für den Film waren die Macher:innen zweimal in Spanien: Einmal im Jahr 2017, zur Gedenkveranstaltung des ermordeten Carlos Palomino und ein zweites Mal im Jahr 2018, um über die Hintergründe der rechtsextremen Szene und ihre Unterstützer in den Institutionen und Parteien Informationen einzuholen. Dass das Filmmaterial bereits zwei Jahre alt ist, merkt man leider an manchen Stellen. So wird die rechtsextreme Partei Vox, die ab der Regierung Sánchez deutlich hinzugewinnen konnte, mit keinem Wort erwähnt. Außerdem fehlt die Exhumierung des Diktators Francisco Franco aus dem Valle de los Caídos, die im Oktober 2019 stattgefunden hat.

Gleichzeitig schafft es der Film in nur einer Stunde einen guten Einblick in die bürgerliche Fassade des spanischen Rechtsextremismus und einige wichtige Gründe für dessen Akzeptanz zu geben. Der Antifaschist Punkito bringt es zu Ende der Dokumentation auf den Punkt: „Wir stehen einem Faschismus gegenüber, der versucht ein freundliches Gesicht zu zeigen.“ Und das stelle die Antifaschist:innen vor Probleme, da man nicht genau wisse, wo man mit dem Kampf anfangen sollte. Außerdem wird am Ende der spanische Kontext verlassen und darauf hingewiesen, dass der wachsende Rechtsextremismus ein weltweites Problem darstellt. Hier fehle es an einer internationalen Vernetzung der antifaschistischen Szene, sagt Punkito.

Fazit

Insgesamt erfüllt die Dokumentation ihren Anspruch und erzählt die „Geschiche von unten“, allerdings bietet sie auch wenig Neues. Interessant ist der Film besonders für diejenigen, die wenig über die Situation in Spanien wissen. Diese werden mit einer gut gemachten und kurzweiligen Dokumentation belohnt, die Lust auf mehr macht.