Angst um die Vormachtstellung (Rezension)

Die erste Frauenquote der deutschen Geschichte war eine Negativquote. Warum es bis heute nicht so viel besser geworden ist, wie man meinen könnte und wieso die Gegner einer Frauenquote in Politik und Wirtschaft noch heute dieselben, verstaubten Gründe vortragen, damit (unter anderem) befasst sich Rebekka Blums Studie zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus.

Die Soziologin und politische Bildnerin (mit den Schwerpunkten Antifeminismus und extreme Rechte) Rebekka Blum setzt sich in Ihrer Studie mit der Frage auseinander, was genau sich hinter dem Begriff Antifeminismus verbirgt. 2019 wurde ihre Studie im Rahmen der FORENSA-Nachwuchspreisverleihung gewürdigt.

Historie und Analyse

Eigentlich geht man davon aus, es handle sich durch die Vorsilbe „Anti“ um einen selbsterklärenden Begriff – gegen Feminismus eben. Doch ab wann spricht man tatsächlich von Antifeminismus und was ist (durchaus erlaubte) Feminismuskritik? Ganz so einfach zu differenzieren ist es wie immer nicht, zumal der Begriff als solcher erst seit den 1990er Jahren seinen Weg in die Forschung fand, obwohl das vermehrte Aufkommen von Antifeminismus natürlich bereits viel früher um sich griff.  Warum es sich lohnt, den deutschen Antifeminismus einmal gesondert zu betrachten, obwohl es Antifeminismus natürlich weltweit gibt, begründet sich darin, dass der Antifeminismus hierzulande auch fast immer mit völkischem Denken und entsprechenden Ideologien einhergeht. 

Blum analysiert in ihrer Studie anhand vorhandener Literatur und Forschungsergebnissen die Entstehung und Entwicklung des deutschen Antifeminismus sowohl in Form von Bewegungen, als auch am Beispiel einzelner Akteur:innen.

Nachdem sie ihre Herangehensweise erläutert hat, gliedert sie ihre Ausführungen chronologisch von der Entstehung des Antifeminismus im deutschen Kaiserreich über den Antifeminismus in Deutschland seit den 1990ern bis zu den aktuellen antifeministischen Debatten. Dabei beleuchtet R. Blum die Rolle von Politik und Wirtschaft ebenso wie die der Kirche und der Medizin. Auch antifeministischer Journalismus und schulische Bildungsinhalte leisten von Beginn an ihren Beitrag.

Schnell wird hier ein roter Faden erkennbar. Vom Aufkeimen bis heute sind die Argumentationen der Antifeminist:innen noch immer dieselben und das obwohl der Wissensstand heute ein ganz anderer ist – oder zumindest sein sollte.

Jedoch haben sich spätestens seit der Jahrtausendwende durch das Lautwerden der Genderdebatte die antifeministischen Inhalte ausgedehnt und schnell wird klar:  Die Gleichstellung selbst ist es, die es in den Augen der antifeministischen Akteur:innen um jeden Preis zu verhindern gilt. Zu groß scheint hier die Angst vor Wandel, Fortschritt und Moderne.

Dass Antifeminismus teilweise in politisch (neo-)liberalen und hauptsächlich in den konservativen und rechten/rechtsaußen Parteien vertreten ist, überrascht sicherlich niemanden – hier wird mit der Thematik seit jeher so umgegangen, wie mit allen Thematiken, die sich mit Forderungen einer marginalisierten Gruppierung oder einer tatsächlichen Minderheit befassen. Wem bereits aufgefallen ist, dass sich Antifeminismus in antisemitischen Codes äußert, der liegt damit vollkommen richtig. Ohnehin werden die Argumentationen strömungsübergreifend angewandt.

Erkenntnisse und ihre Bedeutung

In ihren Schlussfolgerungen wirft R. Blum einen Blick auf die zukünftige Forschung in diesem Bereich, der noch den ein oder anderen blinden Fleck aufweist. Hieraus ergibt sich schließlich die mehrere Punkte umfassende Definition des Begriffs „Antifeminismus“.

Außerdem fasst die Autorin auf den letzten Seiten kurz und prägnant zusammen, was das Resümee der Studie für feministische Bewegungen bedeutet, welche Ansätze zu Ende gedacht werden müssen, um im Diskurs die richtige Richtung (wieder) zu finden, sodass feministische Forderungen und Ziele tatsächlich realisiert werden können. Sie zitiert dabei mehrfach Nancy Fraser (Philosophin, USA) , die anmahnt, dass Teile der jüngeren Frauenbewegungen zu „Handlangerinnen des neuen Kapitalismus“ geworden sind und weibliches Unternehmertum keineswegs ein feministischer Erfolg ist.

„Echter“ Feminismus ist zwangsläufig immer antikapitalistisch und zeichnet sich durch ebendiese soziale Solidarität aus, die (wie auch die aktuelle Krise deutlich zeigt) in unserer zunehmend neoliberalen Gesellschaft mehr und mehr abnimmt.

Obwohl ich mich schon eine ganze Weile mit dem Thema befasse, habe auch ich in Rebekka Blums Studie noch einige mir neue Aspekte gefunden und einen besseren Gesamtüberblick erhalten. Durch die chronologische Aufbereitung lassen sich Zusammenhänge und Strukturen leicht erkennen, erfassen und verstehen. Da es sich um eine offizielle Studie handelt, ist das Buch natürlich gespickt mit reichlich Fachwörtern und auch der Schreibstil entspricht logischerweise dem Zweck.

In seiner Gesamtheit kann das Buch jedem empfohlen werden, obgleich man auf der Suche nach einem Einstieg in die Thematik oder bereits mit ihr vertraut ist. Vor allem aber liefert es auch eine hervorragende Argumentationshilfe, wenn man mal wieder in einer festgefahrenen Diskussion steckt. Antifeminismus betrifft nicht „nur“ Frauen, Antifeminismus geht uns alle etwas an!

Wer sich gerne näher mit der Thematik befassen möchte, dem empfehle ich außerdem den Wiki Diskursatlas Antifeminismus.