Der Tod ist mein Beruf (Rezension)

Es ist 1913 als der 12 jährige Rudolf von seinem fanatisch religiösen Vater erfährt, welche Pläne dieser für Rudolfs Zukunft hat. Er soll Priester werden. Doch knapp drei Jahrzehnte später ist Rudolf kein Priester. Er ist SS-Obersturmbannführer und als Kommandant im KZ Auschwitz für die industrielle Ermordung von 2,8 Millionen (laut Feststellung in den Nürnberger Prozessen 1947) Menschen, hauptsächlich polnischer Juden, verantwortlich.

Sein Vorgesetzter und Mentor Heinrich Himmler befiehlt ihm 1940 im Konzentrationslager Auschwitz die Entwicklung eines Plans zur umfassenden Beseitigung der immer größer werdenden Massen an Gefangenen im Rahmen der aus Himmlers Sicht notwendigen Auslöschung der Juden. Obwohl das Ausmaß, in dem dieser Befehl ausgeführt wurde, wohl bekannt ist, lässt einem die Schilderung aus Tätersicht das Blut in den Adern gefrieren.

Am Ende steht ein Massenmörder vor Gericht, der die Schuld an dem, was er getan hat bis zum Ende nicht zu begreifen scheint.

Die Hintergründe

Inspiriert von den Tagebüchern des Rudolf Höß lässt Robert Merle seine Hauptfigur Rudolf Lang in einem von der ersten bis zur letzten Seite aufwühlenden Buch dessen Leben und Abgründe aus der Ich-Perspektive schildern. Hierbei hält sich der Autor an die biographischen und historischen Fakten, jedoch wurde Hößs Beteiligung an einigen der von ihm selbst in seinen Tagebüchern festgehaltenen Fronteinsätzen im Ausland und Kampfhandlungen im Inland zwischen 1915 und 1917 später widerlegt – offenbar hatte Höß diese frei erfunden.

Die Erzählungen von Rudolf Langs Leben im ersten Teil des Buches bezeichnet der Autor selbst als „literarische Neuschöpfung“ des Lebens von Rudolf Höß, basierend auf dem Resümee des amerikanischen Psychologen Gilbert, welcher seiner Zeit Höß in dessen Zelle befragt hatte. Die im zweiten Teil des Buches beschriebenen Ereignisse und Begebenheiten schildert R. Merle nach den Dokumenten des Nürnberger Prozesses gegen Höß und dessen Mittäter.

Die historischen und biographischen Fakten bilden das Gerüst für eine ebenso tiefgründige wie schonungslose literarische Psychoanalyse.

Robert Merle verschafft den Leser:innen den Einblick in die Welt eines Menschen, der augenscheinlich ohne jegliche Emotion zur blinden Ausführung der grausamsten Befehle fähig ist. Der Roman hinterlässt nicht das Bild eines Täters, wie man es sich insgeheim wünschen würde. Es beschreibt keine sadistische Bestie, die aus purer Mordlust und psychopathischem Wahnsinn handelt. Genau das macht dieses Buch so unbequem. Gleichzeitig wird es dadurch aber auch zu einem der wichtigsten literarischen Werke zu diesem Thema.

Ein Werk von großer Bedeutung

R. Merles Roman entsprach weder dem Zeitgeist noch passte er ins politische Bild, als er 1957 erstmals erschien. Heute gewinnt er jedoch neue Aufmerksamkeit. Wir erleben wie der Nationalsozialismus immer wieder verharmlost, der aufstrebenden Verherrlichung desselben nicht konsequent genug entgegen getreten wird. Es wird Zeit, dass wir uns die Frage stellen, was wir gesamtgesellschaftlich leisten müssen, um die Anfälligkeit für solch blinden Fanatismus einzudämmen.

Dabei darf es keinesfalls um Rechtfertigungen oder gar Entschuldigungen gehen, sondern um nüchterne Aufklärung. Aufklärung, die notwendig ist um zu verstehen, wie bereits dem NS vorangegangene Strukturen den Weg in den Köpfen ebneten und wie automatisch auch die Nachkriegsgenerationen noch von ihnen geprägt wurden.

Die Schuld für das was damals geschehen ist, trägt aus unserer Generation niemand mehr, aber wir tragen die Verantwortung für eine ehrliche Aufarbeitung. Um zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt, muss man sie nachvollziehen können – das macht eine Auseinandersetzung mit der Täteridentität unumgänglich.

Ich schließe mich der Süddeutschen Zeitung an, die schrieb: „Ein grausames Buch, das gelesen werden muss.“

Robert Merle – Der Tod ist mein Beruf
Aufbau Verlag 1957, 293 Seiten, 12,99 Euro