“In einigen Regionen Bayerns haben Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die Nazis zusammengehalten.”

Max Brym hat sich erneut der linken Lokalgeschichte gewidmet. In “Roter Widerstand in der bayerischen Provinz” zeichnet er das Bild des “roten Burghausen” nach, in dem SPD und KPD zum Teil gemeinsam gegen die Nationalsozialisten agierten. Im Gespräch mit alerta🔻 erzählt Brym die Entstehungsgeschichte des Buches, sowie interessante Anekdoten über Schlägereien und einen von den Nazis gefürchteten Kunstschützen.

Max Brym im Januar 2020 bei einer Lesung in Altötting

Du hast dich bereits in deinem Roman „Verrat in München und Burghausen“ mit dem Thema Roter Widerstand in der bayerischen Provinz beschäftigt. Warum also jetzt ein Sachbuch zu dem Thema?

Weil mir viele Originaldokumente in die Hand gefallen sind. Ein Sachbuch ist auch etwas anderes als ein Roman. Für mich ist Geschichte geronnene Erfahrung, aus der es zu lernen gilt. Das gilt besonders für den Widerstand gegen den Faschismus, der damals sehr stark von der Arbeiterklasse getragen wurde. Das war besonders in kleinen Arbeiterstädten wie Burghausen an der Salzach, aber auch in Penzberg, in Kolbermoor und auch in Teilen des bayerischen Waldes der Fall. Entscheidend war für mich, dass in den genannten Regionen und Städten, Sozialdemokraten und Kommunisten entgegen der Linie von SPD und KPD -im fernen Berlin- oftmals gegen die Nazis zusammenhielten. Das musste dokumentiert werden.

Wie hat sich denn die Recherche gestaltet?

Nicht gerade einfach. Aber durch den Kontakt mit Kati Wimmert aus Buchloe, einer sehr engagierten Urenkelin des langjährigen KZ-Häftlings und Burghauser Kommunisten Alois Haxpointner, kam ich in den Besitz vieler Originalschriften, wie Gerichtsurteile, Gestapo Notizen usw. Sehr hilfreich war auch die Buchreihe „NS-Diktatur in Bayern“ erschienen im Oldenburg Verlag 1983. Außerdem führe ich seit den siebziger Jahren Tagebücher. Damals fanden viele Gespräche mit Überlebenden des NS Terrors in Burghausen statt. Darunter war Georg Kellner und Ludwig Lankes. Im Sommer 2020 traf ich mich in Burghausen mit einer fast hundertjährigen geistig wachen Frau. Das Gespräch mit ihr war sehr spannend. Sie berichtete wie sie als junges Mädchen illegale Literatur von Österreich über die Grenze nach Burghausen schaffte. Das Gespräch ist im Buch dokumentiert.  

Gab es Anekdoten oder Dokumente, die dich überrascht haben?

In Burghausen wurde sehr stark an der Novemberrevolution 1918 teilgenommen. Bis Mitte der zwanziger Jahre stellte die 1920 in Burghausen gegründete KPD, den Betriebsratsvorsitzenden bei der heute noch existierenden Wacker Chemie. Überraschend war, dass die NSDAP erst im Juli 1932 versuchte eine größere Veranstaltung in Burghausen durchzuführen. Dies endete für die Nazis im absoluten Fiasko. Im noch existierenden Gasthof Glöckelhofer kam es zur physischen Konfrontation. KPD und SPD, unter Führung von Haxpointner (KPD) und dem sozialdemokratischen Reichsbanner unter der Leitung von Georg Schenk, zerschlugen diese Naziveranstaltung. Die Nazis beklagten 24 Schwerverletzte welche in den Krankenhäusern von Altötting und Burghausen landeten. Bis zum März 1933 trauten sich die Nazis daraufhin in Burghausen keine größere Veranstaltung durchzuführen.

Das Hissen der Nazifahne am Rathaus in Burghausen am 9 März 1933 wurde stundenlang von den Burghauser Kommunisten unter Führung von Haxpointner, Breu und Peter Neudecker verhindert. Erst Einheiten der Landespolizei ermöglichten die sogenannte „Gleichschaltung“ in Burghausen. Überrascht hat mich, wie stark die sozialdemokratische Jugend nach 1933 nach links ging. Sie hatten engen Kontakt mit der heute weitgehend unbekannten Gruppe „Neu Beginnen“ und zu Hermann Frieb, nach dem in München eine Realschule benannt ist. Der Kreis um Georg Schenk (nach 1945 langjähriger Bürgermeister in Burghausen und Ehrenbürger der Stadt) studierten u.a, von Lenin „Was tun“.

Eine besondere Nummer war Simon Vorburger in Burghausen. Er arbeitete als Kunstschütze auf Jahrmärkten und hatte Waffen. Diesen Kommunisten fürchteten die Nazis besonders. Zusammen mit Peter Neudecker arbeitete er einen Plan aus, der es der KPD ermöglichen sollte, die Burghauser Polizeistation zu besetzen, um mit den Waffen  die Nazis zu bekämpfen. Der Plan wurde mündlich Anfang 33 mit dem Reichsbanner abgesprochen. Aber der Reichsbanner blieb wie im Reich nach dem 30 Januar 1933 passiv.

Nach welchen Kriterien hast du den Zeitrahmen des Buches eingegrenzt?

Entscheidend war die Entstehung der Wacker Chemie im Ersten Weltkrieg in Burghausen. Damit entstand eine damals zweigeteilte kleine Stadt. Burghausen Neustadt war weitgehend rot und die Altstadt konservativ bzw. die Nazis fanden keinen Zugang zu den Arbeitern bis lange nach 1933.  


Im alerta🔻 Gespräch erzählt Max Brym über sein Leben und sein Buch “Mao in der bayerischen Provinz”

Eine der zentralen Figuren in dem Buch ist der Kommunist Alois Haxpointner. Du hast ihn selbst noch kennengelernt. Welchen Eindruck machte er auf dich?

Alois Haxpointner verstarb im Jahr 1979 in Traunstein. Ich erlebte ihn auf einer Veranstaltung 1978 in Wasserburg am Inn. Haxpointner war kräftig, sprach laut und einfach. Er blieb bis zu seinem Lebensende ein aufrechter Antifaschist. Nicht unbedingt ein Theoretiker, aber ein ehrlicher klassenbewusster Arbeitertyp, wie man ihn heute nicht mehr allzu oft findet. Haxpointner war insgesamt 10 Jahre im KZ und zuvor fast ein Jahr im Zuchthaus Bernau inhaftiert. In meinem Besitz finden sich Schreiben von Söhnen und Enkeln von Widerstandskämpfern aus Leipzig und Berlin. Diese fragten mich nach Haxpointner, denn ihre Väter und Großväter berichteten ihnen von dem solidarischen und „guten Kameraden“ Haxpointner im KZ.

Warum war der linke Widerstand in Burghausen so stark ausgeprägt?

Wie bereits ausgeführt, entstand mit der Wacker Chemie auch eine Arbeiterschaft in Burghausen. Diese wurde oftmals in Augsburg und Nürnberg angeworben. In der engen Arbeiterstadt erlebten Sozialdemokraten und Kommunisten, dass die Nazis zwischen ihnen keinen Unterschied machten. Ergo, um im damaligen Jargon zu schreiben: “Einheitsfront“. Die Arbeiter waren viel klassenbewusster als heute. Sowohl die SPD und die KPD hatten eigene Bildungs- und Lesezirkel. Wie in Gesamtdeutschland konnten die Nazis damals in das sozialdemokratisch-kommunistische Arbeitermilieu kaum eindringen. In Deutschland, wie in der bayerischen Provinz, kam es bei den Wahlen in der Weimarer Republik nur hin und wieder zu Verschiebungen zwischen SPD und KPD. Zusammengerechnet blieben die Wahlresultate ziemlich gleich.

Inwiefern ist dieses Kapitel der Lokalgeschichte in Burghausen noch sichtbar?

Es gibt Erinnerungstafeln für die am 28 . April 1945 ermordeten drei Arbeiter der Wacker Chemie, die verhindern wollten, dass die Nazis den „ Endkampf“ auch um die Wacker Werke führten. Alle drei erschossenen Arbeiter hatten einen sozialdemokratischen Hintergrund. An die Sabotagegruppe der KPD bei der Wacker Chemie erinnert nichts. Unter Leitung von Phillip Huber und Sebastian Wallner war bis 1938 eine illegale Gruppe damit beschäftigt konkret für den Kriegsfall Sabotageaktionen durchzuführen. Ende ’38 flog die Gruppe auf. Die Hauptbeteiligten Heinrich Breu und Huber wurden in München vom „Volksgerichtshof“ zu langer Haft verurteilt und landeten anschließend, bis zur Befreiung, im KZ.

Grundsätzlich erinnert nichts an den 1946 zum Stadtrat – für die KPD – gewählten Bademeister vom Wöhrsee. Der Gewählte war der Widerstandskämpfer Heinrich Breu. An Alois Haxpointner erinnerte sich nur ein 96 jähriger älterer Herr. Dieser Mann war sehr lange CSU Stadtrat. Dieser gewesene Vorsitzende des Gewerbeverbandes schimpfte im Gespräch mit mir auf Alois Haxpointner. Er nannte ihn einen „ wilden Schläger und kommunistischen Schreihals“. Auf die Frage meinerseits, ob er nicht die richtigen geschlagen hätte, nickte er nur kurz. Es wäre ein gutes Zeichen in Burghausen eine Straße nach Alois Haxpointner zu benennen. Auf diese Idee kamen kürzlich einige Gymnasiasten aus Burghausen.

Siehst du Lektionen, die die heutige Linke aus den Strategien der KPD und SPD lernen sollte?

Es gibt momentan keine marxistische Arbeiterpartei. Die LINKE hat in Burghausen Altstadt mehr Stimmen als in Burghausen Neustadt. Das heißt, es muss der Linken darum gehen wieder Einfluss auf die Arbeiterschaft zu erlangen. Die SPD ist im Gegensatz zu vielen Gegenden in Bayern in Burghausen keine Sekte sondern immer noch ein lebendiger Faktor. Ob es gelingen kann die SPD nach links zu verschieben wage ich momentan zu bezweifeln. Wichtig als geschichtliche Lehre ist: Der Kampf gegen Nazis und AfD muss entschieden geführt werden. Aber auf der Basis eines linken Programms, welche speziell den Arbeitern eine Perspektive anbietet. Dabei gilt es jede Art von Rassismus und Antisemitismus entschieden zu bekämpfen.

Max Brym – Roter Widerstand in der bayerischen Provinz

ROMEON Buchshop und Verlag

ISBN: 978-3-96229-220-1

118 Seiten

11,95 Euro

erhältlich bei:
https://romeon-buchshop.de/