Tiefrot und radikal bunt: Für eine neue linke Erzählung (Rezension)

Die sich zuspitzenden Entwicklungen der letzten Jahre machen sich politisch vor allem die Rechten zu Nutze, obwohl es linke Themen sind, die sie sich da mit viel Getöse aneignen. Es geht um die Klimakrise, Lebens- und Wohnraum für alle, Diversität, Care-Berufe, soziale Gerechtigkeit und Migration. Die Rechten bieten in ihrer Rückwärtsgewandtheit für diese essenziellen Themenbereiche genauso wenig echte und nachhaltige Lösungen, wie die neoliberale Erzählung, die schlicht und einfach zu Ende erzählt ist.

Julia Fritzsche tiefrot und radikal bunt
Julia Fritzsche fordert eine eine neue linke Erzählung
Sabrina Teifel/Alerta

Und politisch Links? Hier verstrickt man sich mehr und mehr in Details, über die man sich letztlich zerstreitet, ehe etwas überhaupt entsteht. Es fehlt etwas Entscheidendes – es fehlt eine neue linke Erzählung, die den Menschen bildhaft vermittelt, wohin die Reise gehen soll. Denn abseits all dieser Negativität existiert sie vielerorts bereits – eine tiefrote und radikal bunte Welt, in der sich Menschen finden, formieren und organisieren, die gemeinsam für eine bessere Zukunft sorgen.

“Die neue Gesellschaft wächst in der alten heran.“ schrieb Elmar Altvater 2005 in seinem Buch „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“ – und genau das passiert bereits.

Perspektivenwechsel

Klären wir zunächst, was das eigentlich bedeutet, dieses „tiefrot und radikal bunt“? Tiefrot steht zusammengefasst für eine Politik und Gesellschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an deren Verwertbarkeit. Radikal bunt beschreibt die Diversität innerhalb der Gesellschaft bis hin zur Diversität in Bedürfnissen, Handlungsweisen und -möglichkeiten ganzer Regionen und Länder.

Nicht zuletzt enthält es auch einen gewaltigen Anteil saftiges grün – denn ohne eine radikal ökologische Politik und Wirtschaft wird ohnehin kein System mehr lange Bestand haben. Der Planet bildet die Grundlage für alles, gravierende Einschnitte sind hier nicht mehr wegzudiskutieren.

Julia Fritzsche gelingt es in ihrem Buch durch aufwendige Recherche und mit dem notwendigen Blick für das große Ganze, Initiativen und Projekte auf kommunaler und regionaler Ebene aus der ganzen Welt zusammenzutragen, zu analysieren und ihre Schnittmengen zu finden. Sie schildert anhand konkreter Beispiele, wie eine praktische Umsetzung der politischen Forderungen aussehen könnte.

Dabei geht es nicht darum, die einzelnen Projekte eins zu eins zu übernehmen, sondern sich dazu inspirieren und ermutigen zu lassen, auf der Suche nach Wegen für die praktische Umsetzung im eigenen Umfeld noch nie Dagewesenes zu denken wo das bisher Bekannte keine Lösung enthält. In ihren Ausführungen manifestieren sich wundervolle Ansätze, wie eine bessere Welt für alle eben doch hauptsächlich durch Handeln entsteht und nicht nur durch politische Wahlen und Entscheidungen.

Wie also geht es weiter?

J. Fritzsche macht ihren Leser:innen mit ihrem selbstbewussten Sprachstil Mut, davon zu erzählen, wo es eine bessere Welt schon gibt und wie diese aussieht. „Die neue Unordnung braucht Spannung zwischen konkretem Handeln und einem umfassenden theoretischen Horizont.“ schreibt sie und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Einen winzig kleinen Kritikpunkt muss ich leider doch erwähnen – ich persönlich finde es schade, dass der Bereich Bildung ausgelassen wurde, da dieser meines Erachtens nach eine ganz entscheidende Rolle spielt. Global betrachtet ist das allerdings ein ebenso komplexes wie umfangreiches Thema, über das es eine Vielzahl guter Bücher gibt.

Ein Buch, das alle anderen essenziellen Bereiche so simpel und präzise abdeckt, verknüpft und vermittelt, wie das von Julia Fritzsche wird man jedoch nur schwer finden. Man mag von einigen Projekten, vielen der ursächlichen Hintergründe und den meisten der Problematiken schon gehört und manches sogar umfassend beleuchtet haben, aber J. Fritzsches ganzheitliche Zusammenzuführung lässt einen dankbar werden, dass das endlich mal jemand gemacht und aufgeschrieben hat.

Am Ende ist klar: Wir werden eine neue linke Erzählung vielleicht nicht von heute auf morgen in vollem Umfang zu Ende formulieren können, aber diese zu beginnen und zu gestalten ist der einzige Ausweg aus der politisch so festgefahrenen Situation. Wenn wir also wollen, dass sich eine bessere Welt für alle etabliert, müssen wir neben dem alltäglichen Handeln vor allem eins – wir müssen davon erzählen.

Ein Werk, das Klarheit schafft und einen vorwärts denken lässt.

Persönliche Leseempfehlung!