Die politische (R)evolution John Lennons (I): Die Beatles Jahre

Im Sommer 1965 kehrten die Beatles zum dritten Mal in die USA zurück und waren auf einem vorläufigen Höhepunkt angekommen. Im New Yorker Shea Stadium spielten sie vor 56 000 Menschen – damaliger Rekord. Bei ihren halbstündigen Auftritten verdienten sie rund 100 US-$ (2020: rund 820 US-$) pro Sekunde, wie die New York Journal-American die irrwitzigen Gagen berechnete.1Spitz, Bob: The Beatles – The Biography. New York 2005, S. 578 Während die Beatles ihre neuesten Hits “Help!” und die B-Seite “I’m Down” zum Besten gaben, brodelte es in der amerikanischen Gesellschaft gewaltig. Die Bürgerrechtsbewegung kämpfte für Gleichberechtigung und nur ein paar Monate vorher waren die ersten US-Truppen in Vietnam gelandet. 

John Lennon bei den Proben zu Give Peace A Chance
Roy Kerwood/CC BY 2.5

Die Geschehnisse gingen nicht an den Beatles vorbei, aber ihr Manager Brian Epstein war aus geschäftlichem Interesse darauf bedacht, dass sie sich auf Pressekonferenzen nicht zur US-Politik äußern. Vor allem John Lennon zeigte großes Interesse an den Vorgängen in den Vereinigten Staaten. Der Beatles-Reporter Art Schreiber wurde von ihm geradezu mit Fragen zur aktuellen Situation gelöchert.

“Das, was er nicht verstehen konnte, war die Gewalt. Das Kennedy-Attentat, die Polizeigewalt gegen unschuldige Demonstranten im Süden, die Waffen, die überall getragen wurden. Ich konnte die Seele eines Aktivisten beim Heranwachsen sehen.”2 Norman, Philip: John Lennon – The Life, New York 2008, S. 372
Art Schreiber
Beatles-Reporter

Tatsächlich betrafen die gesellschaftlichen Spaltungen der USA auch das Showgeschäft der Beatles. Bei ihrer ersten großen US-Tour im Herbst 1964 willigten sie erst ein in Jacksonville/Florida zu spielen, als ihnen der lokale Veranstalter versicherte, dass das Publikum nicht segregiert ist.3 Lewisohn, Mark: The Complete Beatles Chronicle, New York 1992, S. 171 Im Herbst 1965 wurde in den Verträgen sichergestellt, “dass die Beatles nicht verpflichtet werden, vor einem segregierten Publikum zu spielen.” John Lennon erklärte kategorisch: “Wir spielen keine segregierten Konzerte und werden damit jetzt auch nicht anfangen. Lieber verliere ich unser Auftrittsgeld.”4BBC News: The Beatles banned segregated audiences, contract shows. 18. September 2011

“God is a concept”

Die schwierige Beziehung zwischen John Lennon und den USA begann im Februar 1966: In einem Interview mit der befreundeten britischen Journalistin Maureen Cleave äußerte sich Lennon über das Christentum:

“Das Christentum wird verschwinden […] und zurückgehen. Darüber brauche ich nicht streiten; Ich habe Recht und ich werde Recht bekommen. Wir sind nun beliebter als Jesus. Ich weiß nicht, was als erst verschwinden wird: Rock’n’Roll oder das Christenum. Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger dick und gewöhnlich.”5 Cleave, Maureen: How Does A Beatle Live? London Evening Standard, 04. März 1966
John Lennon

Im selben Interview prahlte Lennon über seinen Reichtum und gab einen Einblick auf seine Sichtweise auf britische Politik. Es stimme nach wie vor, dass die Regierungen versuchten, die Arbeiter dumm und ignorant zu halten. Die Labour-Partei hätte die Arbeiter bilden sollen, aber es mache den Anschein, als würden sie das nicht mehr tun.6Cleave, Maureen: How Does A Beatle Live? London Evening Standard, 04. März 1966

Während seine Äußerungen zu Jesus und dem Christentum in der britischen Presse kaum Beachtung fanden, wurden sie im Juli 1966, drei Wochen vor dem US-Tourstart, aufgegriffen: Im Bible Belt riefen Radio DJs die Hörer auf, ihre Beatles Platten öffentlich zu verbrennen. Vom rassistischen Süden der USA griff das Feuer der Wut und Empörung auf andere Länder über: Spanien, Südafrika und die Niederlande verbannten die Beatles aus ihren Radiostationen, der Papst höchstpersönliche verurteilte Lennons Aussagen und schließlich wurde auch im Vereinigten Königreich kontrovers darüber diskutiert. Lennon bekam es schließlich mit der Angst zu tun und versuchte die aufgebrachten Massen mit einer Entschuldigung zu beruhigen.

“Meine Ansichten kommen von dem was ich über das Christentum gelesen oder beobachtet habe. […] Ich sage nur, dass es am Schwinden ist und den Kontext verliert…Die Leute denken, ich sei gegen Religion, aber das stimmt nicht. Ich bin tatsächlich sehr religiös…”7Norman, Philip: John Lennon – The Life. New York 2008, S. 452
John Lennon

Während der US-Tour kam es zu mehreren Mord- und Bombendrohungen. Vor einem Konzert in Memphis kündigte ein Ku-Klux-Klan-Mitglied im Fernsehen an, dass es bei dem Auftritt zu “Überraschungen” kommen werde. Die ständige Angst, dass ihnen religiöse Fanatiker etwas antun könnten, war mitunter auch ein Grund, warum die Beatles am 29. August 1966 ihr letztes offizielles Konzert in San Francisco gaben.

“We all want to change the world”

Nach dem Tod von Brian Epstein im Jahr 1967 übernahmen die Beatles ihr eigenes Plattenlabel Apple. Auf einer Pressekonferenz in New York verkündeten John Lennon und Paul McCartney die Idee hinter der Gründung: Junge Leute leiten die Firma, die die Ideale “Liebe, Frieden und Teilen” vertreten – eine Art “westlicher Kommunismus”. John Lennon erklärte, dass sie ein Sysetm schaffen wollen, indem kreative Menschen um nichts betteln müssen, sondern einfach ihre Ideen umsetzen können.8Norman, Philip: John Lennon – The Life. New York 2008, S. 539

Es war gewissermaßen der Versuch der Bealtes das Showgeschäft zu revolutionieren. Denn egal ob auf welcher Ebene der Gesellschaft man sich befand – es schien als läge eine Revolution in der Luft, die die Beatles aufgriffen. So ist es kaum verwunderlich, dass Lennon einen Song mit dem Namen “Revolution” schrieb, bei dem es sich um den ersten politischen Song der Band handelte, der konkret Bezug auf aktuelle politische Ereignisse nahm.

“Über Jahre hatte uns Brian Epstein auf den Beatles-Touren davon abgehalten, irgendetwas über Vietnam oder den Krieg zu sagen. Er hatte nicht mal Fragen dazu zugelassen. Aber in einer unserer letzten Touren sagte ich: ‘Ich werde Fragen zum Krieg beantworten. Wir können das nicht ignorieren.’ Ich wollte unbedingt, dass die Beatles etwas zum dem Krieg sagen.”9 Sheff, David: The Playboy Interviews with John Lennon & Yoko Ono. New York 1981, S. 158
John Lennon

Tatsächlich behandelt der Song weniger den Krieg in Vietnam selbst, sondern die Auswirkungen, die der Krieg auf die Politisierung der westlichen Jugend hat. Im Frühsommer 1968 kam es weltweit zu Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Polizei. Alle, die den sozialen und politischen Wandel wollten, standen vor der Gewaltfrage. So auch Lennon, der auf der langsameren Albumversion bei der Frage nach Gewalt noch deutlich unsicher wirkte: Ein Studiotechniker beobachtete ihn vor der Aufnahme des Songs, wie er hin- und hergerissen vor sich hinmurmelte: “count me out…count me in”10Spitz, Bob: The Beatles – The Biography. New York 2005 S. 777

In seiner Unsicherheit wollte er sich nicht eindeutig festlegen und fügte der Zeile “But when you talk about destruction / don’t you know that you can count me out” ein “in” hinzu. Auf der rockigeren und schnelleren Singleversion schloss er Gewalt zum Erreichen politischer Ziele kategorisch aus und beließ es beim “count me out”. Auch die Frage, was nach der Revolution kommen sollte, vermisste Lennon in der Diskussion. Kurz vor seinem Tod sagte er:

“Was das Umstürzen von irgendwas im Namen von Marxismus oder Christentum angeht, will ich wissen, was du tun wirst, nachdem du es kaputt geschlagen hast. […] Was ist der Sinn, Bomben in der Wall Street zu legen? Wenn du das System verändern willst, ändere das System. Es bringt dir nichts, Leute zu erschießen.”11 Sheff, David: The Playboy Interviews with John Lennon & Yoko Ono. New York 1981, S. 158
John Lennon

Der Journalist und Schriftsteller Mark Kurlansky merkt an, dass die Milde der Beatles einige überraschte.12Kurlansky, Mark: 1968. The Year That Rocked The World. New York & Toronto 2005, S. 351f. Die politische Linke hätte eine klarere Positionierung zur Zeit der Studentenunruhen und des Prager Frühlings erwartet. Lennon klang skeptisch, was die Ziele der Bewegungen betrifft: Er warf ihnen Planlosigkeit und Zerstörungswut vor. Der linksradikale John Hoyland schrieb Lennon darauf hin Briefe, die zusammen mit Lennons Antworten in dem Untergrundmagazin Oz veröffentlicht wurden.

Während Hoyland dafür plädierte, das System ohne wenn und aber zu zerstören, forderte Lennon ihn heraus, nur eine Revolution zu nennen, die ihre Ziele umsetzen konnte. Er endete mit dem Spruch: “Du machst es kaputt – und die Beatles bauen drum herum.”13Schaffner, Nicholas: The Beatles Forever. New York 1978, S.110

“Give Peace A Chance”

Ende der 60er Jahre fluteten Bilder des Vietnamkrieges die Wohnzimmer der westlichen Welt. 1968 wurden in den USA sowohl der prominente demokratische Präsidentschaftskandidatsanwärter Robert Kennedy und der berühmte schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. Gewalt und Krieg waren gegenwärtig. Warum also noch mehr Hass und Krieg streuen?

Für das frisch verheiratete Ehepaar Lennon und Ono war klar, dass die Antwort nur “Liebe & Frieden” lauten könne. So nutzten sie ihre Flitterwochen im März 1969 für ein Bed-In. Im Amsterdamer Hilton Hotel machten sie eine Woche lang Werbung für den Frieden und gewährten sämtlichen Medienleuten und politisierten Studenten Zugang zu ihren Schlafzimmern um alle ihre Fragen zu beantworten. Es war ein PR-Gag, der sofort aufging. Die Bilder der beiden in ihren weißen Schlafanzügen gingen um die Welt.

“Demonstrieren war in Ordnung und toll in den Dreißigern. Heute braucht man andere Methoden. Es geht ums Verkaufen. Wenn du Frieden verkaufen willst, musst es wie Seife verkaufen.”14Norman, Philip: John Lennon – The Life. New York 2008, S. 596
John Lennon

Die Aktion wurde einige Monate später in Montreal wiederholt, nach dem Lennon die Einreise in die USA aufgrund einer Verurteilung wegen Drogenbesitzes untersagt wurde. Beim zweiten Bed-In sprach sich Lennon noch einmal deutlich gegen die Anwendung von Gewalt aus und sprach all die Radikalen an, die aufgrund seiner “count me in” Ansage auf seine Beteiligung hofften.15Norman, Philip: John Lennon – The Life. New York, 2008, S. 605f Seine Haltung mündete schließlich in den Ausspruch: “All we are saying is: Give peace a chance”, woraus er schließlich einen Song machte, den er auch gleich bei dem Bed-In in Monteral aufnahm. Es war die erste Single der Plastic Ono Band und wurde auf Apple Records veröffentlicht.

Außerdem suchten Lennon und Yoko Ono den den direkten Draht zu den Verantwortlichen der Krise und Kriege. Sie schickten Eichensamen als Zeichen des Friedens an sämtliche Staatsoberhäupter der Welt. Manche von ihnen pflanzten die Eichen sogar an, wie Lennon später in dem berüchtigen Rolling Stone Interview mit Jann Wenner bekanntgab. Außerdem gab Lennon seinen MBE-Orden zurück, aus Protest gegen die britische Regierung, die angesichts des Vietnam-Krieges schwieg – und, so Lennon in seinem typischen Humor, weil Cold Turkey in den Charts gefallen war.16Norman, Philip: John Lennon – The Life. New York 2008, S. 627f

Dies war jedoch erst der Beginn eines politischen Rebellen, der gerne zu den radikalen Gruppen dazugehören wollte- und diese nutzten Lennons Popularität für ihre Zwecke.