Bayerischer Rebell und Trachtenverweigerer – Interview mit Hans Well

Hans Well (geb. 1953 in Willprechtszell/Oberbayern) war Gründer und Texter der legendären Biermösl Blosn. Heute ist er mit seinen Kindern unterwegs – den Wellbappn. Wie kein zweiter nutzt Well die bayerische Sprache und Volksmusik als Waffe gegen die Obrigkeit und setzt sich für ein weltoffenes, tolerantes und umweltfreundliches Bayern ein.

Hans Well im August 2019 in München.
Christoph Pleininger/Alerta

Herr Well, Sie haben sich in Ihrem Hörbuch “Rotes Bayern” intensiv mit der Gründung des Freistaates Bayerns beschäftigt. Was haben Sie bei Ihren Arbeiten über den Freistaat gelernt?

Well: Dass die Leute prinzipiell bereit waren, etwas neues zu wagen. Es war einzigartig in Deutschland, wenn man auf die Dauer der Revolution schaut. Bayern war mit Abstand das erfolgreichste Modell mit einer Revolutionsregierung, die sich mehr als ein halbes Jahr gehalten hat. Außerdem war Bayern das erste Bundesland, dass das Frauenwahlrecht und den 8-Stunden-Tag eingeführt und außerdem die Demokratie geschaffen hat. Man darf nicht vergessen, dass das zu einer Zeit durchgeführt wurde, in der Bayern und das ganze Land absolut niedergeschlagen war: Menschen waren in den harten Kriegswinter verhungert, die ganze Wirtschaft war zerstört. Es existierten keine Strukturen und daraus einen gewaltlosen Übergang zu schaffen, ist eine große Errungenschaft gewesen. 

Wenn man zurückblickt, handelt es sich um eine Geschichte, auf die die Bayern stolz sein könnte. Doch im Gegenteil: Sie geht komplett unter.

Well: Es würde von der CSU niemanden ein Zacken aus der Krone fallen, wenn man das anerkennen würde. Alle die Errungenschaften, die damals umgesetzt wurden, gehören alle zu dem, was wir heute unter Demokratie verstehen. Die Räte sind ein gutes Beispiel: Bis heute gibt es Bezirksräte, Landräte oder auch Gemeinderäte. Dieses System hat sich mittlerweile etabliert. Und das jemand wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder am 07. November 2018, zur 100-Jahr-Feier des Freistaats beim Staatsakt in München, Kurt Eisner nicht einmal erwähnt, das ist an Arroganz kaum zu überbieten. Ich hätte kotzen können. An diesem Tag wurde Eisner ein zweites Mal hingerichtet. 

Sie waren während der Zeit der Studentenbewegung auf einem Münchner Gymnasium, sind aber auf dem Land bei einer Großfamilie aufgewachsen. Wie haben Sie diese Zeit damals erlebt? 

Well: Bei den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze hatten wir Schüler beispielsweise frei. Die Lehrer meinten dann: Bildet euch mal und geht zu den Demos. Dabei hörten wir natürlich auch viele Reden und egal wie politisch man war oder nicht, man hat mitbekommen um was es am Ende geht. Und es hat einem schon eingeleuchtet, dass ein zu starker Staat Gefahren birgt, die wir in Deutschland kennengelernt haben. Es muss also eine bestimmte Balance in der Gesellschaft her.

Die Demonstrationen, die Sie angesprochen haben, fanden ja alle in München statt. Wie waren denn die Reaktionen auf dem Land?

Well: Auf dem Land hat sich die Studentenbewegung insofern bemerkbar gemacht, dass die Bauern und die Leute gesagt haben: Alle an die Wand stellen und erschießen! (lacht) Das war mal eine christliche Einstellung. Ich war zu der Zeit einer der wenigen bei uns in der Gegend, die auf ein Gymnasium gingen und das alleine war schon Grund, dass man von den Leuten auf dem Land schief angeschaut wurde. Wörter wie “Intellektueller” oder “Student” waren  wie Schimpfwörter. Allerdings hat sich bei meinem Vater zu der Zeit einiges verändert. Vorher war er sehr deutsch-national eingestellt, relativ ungebrochen aus der Hitlerzeit gekommen. Durch die 68er-Bewegung hat er aber bemerkt, dass wenn man Kinder prügelt oder sehr streng mit ihnen umgeht, nichts vernünftiges dabei rauskommt. Du erntest gebrochene Menschen, doch eigentlich braucht man selbstbewusste und eigenständig denkende Menschen.

Auch heute geht wieder eine junge Generation auf die Straße. Diesmal geht es um die Umwelt- und Klimapolitik. Waren Sie bei den “Fridays For Future” Demonstrationen dabei?

Well: Ja, ich war schon öfters dabei und habe das immer als bewegend empfunden. In München zum Beispiel, wenn es am Odeonsplatz los geht, halten die Schülerinnen und Schüler auf einem alten Feuerwehrauto ihre Reden. Das wird anschließend bei dem Demoumzug von fünfzehn bis zwanzig Schülern gezogen, damit keinen Diesel verbracht wird. (lacht) Das hat so einen Charme und ich find es jedes Mal wieder toll, wenn ich dann mit meiner Frau dabei bin. Es sind ja zum Teil auch zwölf- oder dreizehnjährige dabei und die Gründe, warum demonstriert wird, liegen doch auf der Hand: Es geht um nichts weniger als um ihre Zukunft. Meine Frau kommt aus Indien, ich habe dort einmal einen Monsum erlebt. Wenn sowas bei uns passieren sollte in Zukunft, und es wird so kommen, dann gnade uns Gott. Es werden kaum mehr Bäume stehen und kaum mehr Häuser, weil die nicht dafür gemacht sind. Das wird die Zukunft unserer Kinder sein und jetzt haben sie vielleicht noch eine Chance, dass der Klimawandel etwas abgemildert wird. Wenn man dann aber eine Regierung hat, wie die deutsche, die das Pariser Klimabakommen unterschreibt, aber dann einen Scheißdreck macht, dann kann ich verstehen, dass die Kinder irgendwann durchdrehen. 


Biermösl Blosn – Habts as scho glesn? (1982)

Habts as scho gherd, der Bürgermoaster hod gsogt
Wos so a Atomkraftwerk alles mitdrogt
A Schwimmbad, an Goifblotz, Entsorgungspark
Gewerbesteuern zig tausende Mark
[…]
Habts as scho gmerkt wia ma brazelt san worn
Wos hamma den gwunga, wos hamma verlorn?
Jetzt hamma zwa jedsamt an batzn geld auf da bank
Fia unsane Kinder, oba d’Kinder san krank


Umweltthemen haben Sie ihr ganzes künstlerisches Leben begleitet. Bei der “Biermösl Blosn” sangen Sie “Gott mit dir, du Land der BayWa” und haben damit einen Skandal verursacht. Was hat sich Ende der 70er so grundlegend geändert, dass dieses Thema in der Luft lag?

Well: Es war vor allem die Anti-Atomkraftbewegung, die sich damals gebildet hat. Aufgehängt hat sich das ganze an der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Man hat sich damit auseinandergesetzt und kam sehr schnell zu der Erkenntnis: Da stimmt doch was nicht. Es ging dabei nicht einmal darum, wie sicher Atomkraftwerke sind, sondern um das Hauptproblem bei Atomkraft: den Müll. Es gibt keine Möglichkeit, den Müll richtig zu entsorgen und er strahlt tausende von Jahren. Welche Regierung übernimmt die Verantwortung für diese Zeit? Bayern macht es sich ja ganz leicht, wenn es sagt: Wir nehmen keinen Atommüll. Zwar werden hier Atomkraftwerke betrieben, aber die anderen sollen unseren Müll nehmen. Das ist typische bayerische Politik. Und die Gegnerschaft zu der Atomenergie hat die Bewegung damals gegründet, woraus dann unter anderem auch “Die Grünen” entstanden sind. 

Sie haben Wackersdorf angesprochen. Sie haben 1986 mit der “Biermösl Blosn” zusammen mit vielen anderen bekannten deutschen Musikern auf einem Festival gegen die Wiederaufbereitungsanlage gespielt. Können Sie die Stimmung an diesem Tag beschreiben? 

Well: Ich hab noch nie vor 100 000 Leuten gespielt. Das war schon gigantisch. Und die dachten, jetzt kommt CSU-Musik als wir mit einem Landler anfingen zu spielen. Da gab´s schon ungläubige Blicke, aber nachdem sie dann die Texte gehört haben, sind sie aufgestanden und haben gejubelt. Das werde ich nie vergessen. Wir waren auch sehr gut aufgestellt, weil wir sehr viele Texten hatten zu dem Thema. Ein Lied beispielsweise war eine Gesangsvereinsparodie mit dem Titel “Haltet aus, haltet ausim Sturmgebraus”, und am Ende hieß es: “Schaltet aus, schaltet aus – Franz Josef Strauß”.  Wenn 100 000 Leute so begeistert sind, dann ist das schon ein tolles Gefühl.