Rolando Alarcón und die Musik des spanischen Bürgerkrieges

Außerhalb von Lateinamerika ist Rolando Alarcón kaum bekannt. Als einer der Vertreter der chilenischen Folkbewegung Nueva Canción Chilena erreichte der Lehrer Mitte der 60er Jahre größere Bekanntheit. Diese nutzte er um die Musik aus dem spanischen Bürgerkrieg auf seinem dritten Album zu verewigen.

Er glänzte bei seinen Auftritten: Der Chilene Rolando Alarcón

Rolando Alarcón stand 1968 vor einem großen Schritt: Nicht nur hat er sein eigenes Label Tiempo gegründet, auf dem er fortan seine eigene Musik veröffentlichen wird, er wollte außerdem einen neuen künstlerischen Weg gehen. Mit patriotischen und sozialkritischen Liedern hatte der Chilene mit zwei Solo-Alben große Erfolge gefeiert. Nun nutzte er die Unabhängigkeit und Freiheit seines eigenen Labels um sein musikalisches Reportoire zu erweitern – mit Hilfe der Musik des spanischen Bürgerkrieges.

Von Spanien in die gesamte Welt

Warum es ihm die republikanischen Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg angetan haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es wird vermutet, dass den Chilenen seine Begegnungen mit dem bekannten amerikanischen Folksänger Pete Seeger inspiriert hatten. Immerhin nahm Seeger selbst ein Album mit englischen Songs der Lincoln Brigade auf, die als Teil der internationalen Brigaden im Bürgerkrieg kämpften. Eine weiterer Einfluss auf Alarcón könnten die zahlreichen spanischen Emigranten gewesen sein, die nach dem Bürgerkrieg nach Lateinamerika geflüchtet sind.1de la Ossa Martínez, Marco Antonio: Rolando Alarcón y las Canciones de la Guerra Civil Española. in: ArtsEduca, 12/2015, S. 67ff

Das Cover zum Album gestaltete Rolando Alarcón selbst

Die Lieder der republikanischen Soldaten erfüllten im Krieg eine besondere Funktion, wie der Historiker Alberto Carillo Linares schreibt. Sie dienten nicht nur zu Belustigung an der Front oder in der Nachhut, sondern hatten auch einen psychologischen Effekt. Sie verkörperten die Wünsche und Hoffnungen der Männer und Frauen in dem tristen Kriegsalltag. “Diese Lieder blühten auf in der Hitze der Hoffnung auf eine bessere Welt”, schrieb Alarcón auf die Rückseite des Plattencovers, das er selbst gestaltete. Bereits 1937 nahm der kommunistische deutsche Musiker Ernst Busch zusammen mit der Thälmann-Kolonne eine Schallplatte in Barcelona auf, die als Discos de las Brigadas Internacionales erschien. Mit mehr als 60 Nationen in den Internationalen Brigaden konnte sich das Liedgut in alle Welt verbreiten – zum Teil in Übersetzungen. In der Zeit nach dem Bürgerkrieg gab es beispielsweise Veröffentlichungen in den USA, Frankreich und Italien.2Carrillo Linares, Alberto: Surcos de Esperanza y Gritos de Libertad – Música contral el Franquismo. in: Historia Social, 73/2012, S. 82 – 88

Lieder über Schützengräben, den Ebro und die Liebe

Durch Alarcóns Nähe zur Partido Comunista de Chile (PCCh) war der ideologische Grundstein für die Aufnahme der Songs gelegt. Musikalisch und lyrisch orientierte sich der chilenische Musiker an den Originalversionen, auch wenn er in Folktradition hier und da einige Änderungen vornahm.

Eines der bekanntesten Stücke des gesamten republikanischen Katalogs ist Si Me Quieres Escribir. Je nach Situation, Lage und Schlachten wurde der Text den Gegebenheiten angepasst. Alarcón situiert seine Version in der Schlacht am Ebro. Der Ursprung der Melodie ist nicht ganz geklärt, sie existierte jedoch schon lange vor dem Bürgerkrieg.3de la Ossa Martínez, Marco Antonio: La Música en la Guerra Civil Española. Castilla-La Mancha 2009, S. 595

Si Me Quieres Escribir

Si me quieres escribir
ya sabes mi paradero.
en el frente de batalla
primera línea de fuego.

[…]

El primer plato que dan
son granadas moledoras,
el segundo de metralla
para recordar memorias.

Wenn du mir schreiben willst

Wenn du mir schreiben willst
Weißt du ja, wo ich mich aufhalte.
An der Front der Schlacht
Erste Schusslinie.

[…]

Das erste Gericht, das sie dir geben
sind Schleifsteingranaten,
das zweite ist aus Schrapnell
um die Erinnerungen zu behalten.

Das Lied Viva La Quinta Brigada exisitert auch unter dem Namen Viva La Quince Brigada bzw. Ay Carmela. Tatstächlich hat es ihren Ursprung im 19. Jahrhundert und wurde bereits im Kampf gegen die napoleonischen Truppen gesungen. Im spanischen Bürgerkrieg zentrierte sich die Lyrik auf die Schlacht am Ebro.4de la Ossa Martínez, Marco Antonio: La Música en la Guerra Civil Española. Castilla-La Mancha 2009, S. 362 Neben leichten Textänderungen hat Alarcón dem Lied eine einfachere Versform gegeben.

Viva la Quinta Brigada

Viva la quinta brigada,
–rumba, la rumba, la rumba, la–,
que nos cubrirá de glorias,
ay, Carmela, ay, Carmela.

Luchamos contra los moros,
–rumba, la rumba, la rumba, la–,
mercenarios y fascistas,
ay, Carmela, ay, Carmela.

Lang lebe die fünfte Brigade

Lang lebe die fünfte Brigade,
-rumba, la rumba, la rumba, la-
die uns mit Herrlichkeit bedecken wird,
Oh, Carmela, oh, Carmela.

Wir kämpfen gegen die Mauren,
-rumba, la rumba, la rumba, la-
Söldner und Faschisten,
Oh, Carmela, oh, Carmela.

Das Lied No pasarán, basierend auf dem bekannten Ausspruch von Dolores Ibárruri, hatte Alarcón selbst komponiert. Allerdings bezieht sich der Text nicht nur auf die Verteidigung der Stadt Madrid, sondern auch auf die Schlacht am Ebro.

Federico García Lorca

Der große spanische Dichter und Dramatiker fiel bereits in den ersten Tagen des Bürgerkrieges den nationalistischen Schergen in die Hände und wurde in der Nähe von Granada ermordet. Sein Einfluss auf die spanische Sprache und Literatur war jedoch in seiner äußerst kurzen Schaffenszeit enorm, was sich auch in den Liedern des spanischen Bürgerkrieges widerspiegelte. Zudem teilten Alarcón und Lorca eine Gemeinsamkeit: Sie waren homosexuell und mussten ihre Sexualität Zeit ihres Lebens verheimlichen.

El Quinto Regimiento, beispielsweise, basiert auf zwei traditionellen spanischen Liedern, wovon der Refrain dem Lorca-Gedicht Anda Jaleo entnommen wurde. Dieser vertonte das Stück und veröffentlichte es 1931 in Argentinien. Die Melodie der Strophe stammt von dem andalusischen Lied El Vito. El Quinto Regimiento behandelt das legendäre kommunistische Regiment, dass nach Ausbruch des Bürgerkrieges die Stadt Madrid verteidigt hatte.5de la Ossa Martínez, Marco Antonio: Rolando Alarcón y las Canciones de la Guerra Civil Española. in: ArtsEduca, 12/2015, S. 81

El Quinto Regimiento

Con Líster y Campesino,
con Galán y con Modesto,
con el comandante Carlos
no hay miliciano con miedo.

Con los cuatro batallones
que a Madrid están defendiendo
se va lo mejor de España,
la flor más roja del pueblo.

Das fünfte Regiment

Mit Líster und Campesino,
mit Galan und Modesto,
mit Kommandant Carlos
Es gibt keinen Milizionär, der Angst hat.

Mit den vier Bataillonen
dass Madrid verteidigt wird
das Beste, was Spanien zu bieten hat,
die röteste Blume der Stadt.

Das Stück Los Cuatro Generales ist eines von vielen Variationen des tradtionellen Liedes Los cuatro muleros, das von Lorca zusammengestellt und harmonisert wurde. Im Zentrum von Los Cuatro Generales steht die heldenhaften Verteidigung Madrids, in dem auf Generäle und die Orte der gekämpften Schlachten verwiesen wird.6de la Ossa Martínez, Marco Antonio: La Música en la Guerra Civil Española. Castilla-La Mancha 2009, S. 586

Ähnlich wie Lorca, hatte Alarcón sich traditionaller spanischer Stücke bedient und sie re-kontextualisiert. Den Titel und gleichlautenden Refrain El Tururururú entlieh Alarcón dem Lied Ya se murió el burro, doch anstatt den Tod eines Esels besingt er den republikansichen Widerstand.

“Abgesehen von dem dokumentarischen und zeugnishaften Charakter dieses Repertoires sind auch seine musikalischen Qualitäten bemerkenswert. Sie sind zwar von dem Propagandageist durchdrungen, der das Liederbuch des Spanischen Bürgerkriegs prägt, aber sie besitzen auch einen Heiligenschein von Schönheit und Tiefe, der typisch für das traditionelles Spanisch, das von Alarcón eingefangen und zur Perfektion projiziert wurde.”7de la Ossa Martínez, Marco Antonio: Rolando Alarcón y las Canciones de la Guerra Civil Española. in: ArtsEduca, 12/2015, S. 93
Marco Antonio de la Ossa Martínez
Musikwissenschaftler

Frühzeitiges Ende

Unerwartet wurde das Album ein beachtenswerter Erfolg für Alarcón, trotz geringer Werbemöglichkeiten. Nicht nur der Verkauf lief gut, sondern auch seine Tourneen. Fünf Jahre nach Erscheinen des Albums, verstarb Rolando Alarcón am 04. Februar 1973 mit nur 43 Jahren während einer Operation. Bei seine Beerdigung war der damalige Staatspräsident Salvador Allende anwesend. Ein paar Monate später putschte Augusto Pinochet gegen die demokratische gewählte sozialistische Regierung und nach wenigen Stunden wurde aus Chile eine Militärdiktatur.

Staatspräsident Salvador Allende auf der Beerdigung von Rolando Alarcón.
Bilioteca Nacional de Chile+

Rolando Alarcón – Canciones de la Guerra Civil Española (1968)