12. Oktober 2020: Von Autokorsos und falschen Flaggen

Der spanische Nationalismus zeigte auch in diesem Jahr zum 12. Oktober sein hässlichstes und absurdestes Gesicht. Während die rechtsextreme Partei Vox zu einer Demonstration im Auto aufgerufen hatte, zierten spanische Militärflugzeuge den Madrider Himmel mit einer leicht deformierten Österreich Fahne. In Barcelona demonstrierten Faschisten und verbrannten Fotos von Carles Puigdemont.

Vox Autokorso Granada
Faschogruß bei Vox-Autokorso in Granada
Jan Marot

„Sie wollen die Geschichte zu ihrem Vorteil verändern, und wir werden nicht akzeptieren, dass sie die Geschichte neu schreiben“, schreibt der Vox-Generalsekretär Javier Ortega Smith auf Twitter als Reaktion auf den Boykott linker Gruppierungen des 12. Oktobers. Vox rief gestern zu einer spanienweiten Demonstration gegen die „sozial-kommunistische Diktatur“ und den Estado de Alarma in Madrid auf. Laut Informationen der spanischen Nachrichtenagentur EuropaPress haben sich in der Hauptstadt rund 3000 Autos zusammengefunden. Andernorts waren es weit unter hundert Autos.

Feiertag für Faschisten

Vox kann diese Werbung für sich gut brauchen: Passend zum 12. Oktober wurde bekannt, dass ihr Misstrauensvotum gegen die mitte-links Regierung nächste Woche im Parlament behandelt wird. Aussicht auf einen Erfolg hat ihr Antrag kaum, da sich sowohl die konservative Partido Popular (PP), als auch die rechts-liberale Ciudadanos (Cs) weigern, Vox dabei zu unterstützen. Umso wohltuender waren für die Rechtsextremisten die gestrigen Bilder, in denen einige tausend Spanier:innen den Regierungschef Pedro Sánchez (PSOE) zum Rücktritt aufforderten.

Bei all diesen Demonstrationen fehlte es jedoch kaum an faschistischer Symbolik: Egal ob franquistische Flaggen oder erhobene Hände zum Gruß. Besonders in Barcelona machten Neo-Nazi Gruppen auf sich aufmerksam, als sie ein Bild des ehemaligen Präsidenten der Generalitat, Carles Puigdemont, verbrannten. Dieser nahm es gelassen: „Ich bin stolz, ein Ziel der spanischen Nazis zu sein. Während sie Bilder verbrennen, verbrennen sie keine Bücher“, verkündete der im Exil lebende Politiker auf Twitter.

Zuvor hatten die Faschisten an der Christoph Kolumbus Statue in Barcelona gefeiert. Ihm ist der 12. Oktober gewidmet, da er die „neue Welt“ entdeckte hatte – der Beginn der Hispanisierung, die Spanien zum Imperium werden ließ. Im Zuge der Debatte über rassistische Denkmäler, forderten Aktivist:innen auch den Abriss der Kolumbus-Statue in Barcelona. Unter anderem sprach sich die linke Bürgermeisterin der Stadt, Ada Colau (En Comú Podem), dagegen aus: Es handle sich um eine Ikone der Stadt, im Guten wie im Schlechten. Sie sei jedoch Teil eines „kritischen Gedenkens“, das von Barcelona und Expert:innen gefördert werde.

Kein Grund zum Feiern

Besonders in Katalonien, im Baskenland und Galicien stößt die Zelebrierung des spanischen Nationalismus auf Ablehnung. In Bilbao kam es beispielsweise zu einer antifaschistischen Demonstration gegen Kapitalismus und Faschismus. Die katalanischen Linksrepublikaner (ERC) verkündeten, dass man in Katalonien, im Gegensatz zum spanischen Staat, dem Genozid in Lateinamerika gedenke.

Die Gründe für die Ablehnung des spanischen Feiertages sind naheliegend: In diesen Regionen gibt es Unabhängigkeitsbestrebungen, die zumindest gemein haben, dass sie den spanischen Zentralismus ablehnen. Sie sehen dadurch ihre Sprache und Kultur gefährdet. Unter dem Motto „Es gibt nichts zu feiern“ haben sich jedoch spanienweit Gegner zusammengetan. In Madrid forderten Pflegekräfte “Weniger Flaggen, mehr Personal”, angesichts der prekären sanitären Situation der Stadt, die sich aktuell im Estado de Alarma befindet.

In der aragonischen Hauptstadt Saragossa war indes von Politik wenig zu spüren: Dort fällt der spanische Nationalfeiertag auf den Namenstag der Pilar – die Jungfrau Maria, die auf einem Pfeiler in der Basilika steht und von den gläubigen Bewohner:innen verehrt wird. Normalerweise wird der 12. Oktober mit einer großen Blumenniederlegung (Ofrenda) in der regionalen Tracht gefeiert. Durch die Pandemie fiel der gestrige Feiertag jedoch deutlich kleiner aus.

Plaza del Pilar in Saragossa: Weniger Blumen für María del Pilar in diesem Jahr
Christoph Pleininger/Alerta

Dies galt auch für die jährliche Militärparade in Madrid. Statt eines Umzugs kam es zu einer kleinen Schau auf dem Waffenplatz des Königshauses. In Anwesenheit der Königsfamilie und Mitgliedern der Regierung überflogen Kampflugzeuge den Palast, um die spanische Flagge in den Himmel zu malen. Doch anstatt rot-gelb-rot zeigte der Himmel weiß-rot-weiß-rot. Es war die passende Metapher für einen absurden Tag des Nationalismus.