12. Oktober: (K)ein Grund zum Feiern?

Für spanische Nationalisten ist der 12. Oktober (Día Nacional de España) ein heiliger Feiertag. Mit König und Militär feiert man die spanische Kultur und das Erbe, das man vor hunderten Jahren in die Welt getragen hat – auch mithilfe von Genoziden. Für Linke und Unabhängigkeitsbefürworter:innen in Katalonien, Euskadi und Galicien ist der 12. Oktober deswegen kein Grund zum Feiern.

12 Oktober
Militärparade zum 12. Oktober in Madrid

An diesem Tag gedenkt man Christoph Kolumbus, der die sogenannte „neue Welt“ im Jahre 1492 „entdeckte“ – umgangssprachlich Amerika, obwohl der Kontinent sehr wohl auch vor Kolumbus schon existierte. Doch um die Problematik der Weltgeschichte aus europäischer Perspektive geht es an diesem Tag weniger, denn symbolisch soll der Tag für einen Brückenschlag zwischen den beiden Welten stehen.

Daher heißt er etwa in Argentinien, Chile und Peru Día del Encuentro de Dos Mundos (Die Entdeckung zweier Welten). Was dem spanischen Imperium ein „goldenes Jahrhundert“ brachte, bedeutete für die Einwohner Lateinamerikas Plünderungen, Zerstörung und Tod.

In Spanien wird der 12. Oktober seit 1892 als Feiertag (Día de la Hispanidad) gefeiert. Zwischenzeitlich war er auch als Día de la Raza (Tag der Rasse/Volk) bekannt. Es war auch an diesem Tag im Jahre 1936, als der spanische Intellektuelle Miguel de Unamuno seine berühmte Rede „Vencereís pero no convenceréis“ hielt, die den Faschisten José Millán-Astray angeblich zu dem Ausruf „Tod den Intellektuellen“ verleiten ließ.

Franquistischer Nationalfeiertag

Die Franco-Faschisten machten den 12. Oktober ab 1958 zum Nationalfeiertag und behielten den Namen Día de la Hispanidad bei. Die Dreifaltigkeit aus Führerkult, Militär und Kirche wurde so jedes Jahr groß zelebriert. Passenderweise ist derselbe Tag der Namenstag der Pilar (Jungfrau Maria, die sich auf einem Pfeiler in der Basilika befindet) in Saragossa, der den Höhepunkt der Pilares-Festlichkeiten in der Stadt bildet.  

1987 wurde aus dem Día de la Hispanidad ein schlichter Día Nacional de España. Die Militärparaden vor dem königlichen Staatsoberhaupt blieben jedoch. Es wirkt zuweilen wie ein nostalgischer Trip für Alt-Franquisten. Dass die Feierlichkeiten durchaus problematisch sind, war nicht nur der damaligen Regierung bewusst, die sich für die Umbenennung entschied, sondern auch den Vereinten Nationen. 2014 hieß es von der UNO, dass man am 12. Oktober die spanische Sprache feieren würde. Mit anderen Worten: Neuer Name für dasselbe Grundproblem.

Die Kolonalisierung ist auch Teil der linugistischen DNA des Spanischen. Vor allem Wörter für die neu-entdeckten Lebensmittel wurden von den indigenen Völker übernommen – ähnlich wie in anderen Sprachen. Als Beispiel sei hier das Wort maíz zu nennen. Während Lehnwörter sich in die spanische Sprache einfanden, wurde sie selbst zur Hauptsprache in Lateinamerika. Dank der Kolonalisierung besitzen heute rund 477 Millionen Personen Spanisch als Muttersprache – nur Mandarin-Chinesisch hat mehr native Sprecher:innen.

Egal, wie man es dreht oder wendet, man kommt an den Genoziden und Plünderungen in Lateinamerika nicht vorbei, wenn man die spanische Kultur auf dieser Welt feiern will. Das sehen auch einige lateinamerikanische Länder so: Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro kritisierte Spanien für das Feiern „des Beginns eines Massakers“. In seinem Land, und auch in Nicaragua, wird der 12. Oktober als El Día de la Resistencia Indígena (Tag des indigenen Widerstands) gefeiert.

Kein Feiertag für die Linke

„Euskal Herria hat keinen Grund zu feiern“, verkündete das linke baskische Wahlbündnis EH Bildu zum heutigen 12. Oktober. Ihn zu feiern sei imperialistisch, kolonialistisch und zutiefst reaktionär. Man könne den Tag aus demokratischer Sicht nur als „schändlich“ bezeichnen.

Das linke Wahlbündnis „Unidas Podemos“ befindet sich derweil in einem Dilemma: Hat man in der Vergangenheit ebenfalls den 12. Oktober als Feiertag verteufelt, so nehmen in diesem Jahr alle Minister:innen an den Festlichkeiten teil – mit dem König Felipe VI. In den Jahren zuvor waren die linken Politiker:innen stets abwesend. Eine große Militärparade durch Madrids Straßen findet aufgrund der Pandemie jedoch nicht statt. Man begnügt sich mit einer “privaten” Militärschau auf dem Waffenplatz des Königspalasts.