2255 Neuinfektionen: Hat Spaniens zweite Welle bereits begonnen?

Zusammen mit Italien hatte Spanien im März und April diesen Jahres die strengsten Maßnahmen getroffen um die Corona-Pandemie einzudämmen. Nach den ersten Lockerungen im Mai hatte sich die Lage auf der iberischen Halbinsel zunächst entspannt. Doch seit zwei Wochen steigen die Zahlen der Neuinfektionen rasant. Die Situation in Aragón und Katalonien sei “besorgniserregend” hieß es vor einer Woche aus dem spanischen Gesundheitsministerium. Ist das bereits die zweite Welle in Spanien?

“Vergiss nicht: es liegt auch in deinen Händen, dass es nicht erneut passiert!” Kampagnenposter der Stadt Zaragoza zu den Auswirkungen der Pandemie in Spanien
Christoph Pleininger/Alerta

Sira Repollés ist Gesundheitsberaterin der Diputacion General de Aragón (DGA). Vor wenigen Tagen zeigte sie sich auf der mittlerweile täglichen Pressekonferenz optimistisch – trotz steigender Zahlen der Infizierten. Repollés appelierte an das Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung, als sie ankündigte, dass ein Großteil Aragóns in eine “flexible Phase 2” des Deeskelationsplans der Regierung zurückgestuft werden sollte. Keine unnötigen Reisen sollen unternommen werden, die sozialen Kontakte sollten freiwillig reduziert werden. Dann, so Repollés, werden auch keine strengeren Maßnahmen vonnöten sein.

“Der Aufruf zur Verantwortung hat nicht die erwartete Wirkung gezeigt. Sie ist nicht beachtet worden”, sagt die Gesundheitsberatin nun in einem Interview mit der Tageszeitung Heraldo de Aragón. Als Reaktion gilt seit Freitag eine normale Phase 2 in der Region. Diese hat vor allem Auswirkungen auf die Hotel- und Gastwirtschaft.

Ausnahmezustand verhindern

Das Wort “confinamiento”, also die totale Ausgangssperre, wird bewusst vermieden. Aragóns Präsident Javier Lambán (PSOE) schließt eine verpflichtende Ausgangssperre für seine Region aus. Eine Einschränkung der Reisefreiheit soll es nicht geben, obwohl, oder gerade weil, sich Spanien gerade in der Urlaubszeit befindet und viele die Städte in Richtung Strand oder Dorf verlassen.

Zudem ist für das Erlassen einer Ausgangssperre ein Estado de Alarma notwendig, den nur die spanische Zentralregierung veranlassen kann. Um eine zweite Welle zu verhindern, schließt die spanische Regierung nicht aus, den Estado de Alarma in besonders stark betroffenen Regionen auszurufen. Doch solange es genügend Betten in den Krankenhäusern gebe, sehe man von solch drastischen Maßnahmen ab.

Durch die stark steigenden Neuinfektionen können die Krankenhäuser jedoch schnell ausgelastet werden. Das Krankenhaus in Barbastro (Provinz Huesca/Aragón) kann etwa keine COVID-Patienten mehr aufnehmen, da bereits 27 Betten mit ihnen belegt sind. In der Hauptstadt Zaragoza wird das Pflegepersonal bereits gebeten, freiwillig ihre angemeldeten Urlaubstage in den kommenden Wochen nicht anzutreten.

Schlechteste Werte seit Beginn der Lockerungen

Man bereitet sich auf eine zweite Welle in Spanien vor, denn die aktuellen Zahlen sind äußerst beunruhigend: Gestern wurden 2255 Neuinfektionen bekannt gegeben. Davon wurden alleine am Donnerstag 922 gemessen – der schlechteste Wert seit dem Beginn der Lockerungen im Mai. Im besonderen Maße ist Katalonien betroffen: In der eigenen Zählung kam man hier bereits auf 1003 Neuinfizierte.1Katalonien führt seit April eine eigene Zählweise der Neuinfektionen, die “wahrscheinliche Fälle” ohne Tests ebenfalls zu der Statistik zählt. So erklärt sich die oftmals starke Divergenz zwischen den spanienweiten Ergebnissen und denen aus Katalonien. Frankreich rät seit gestern seinen Bürger*innen, nicht mehr nach Katalonien zu reisen. Mittlerweile zählt man spanienweit rund 300 Gebiete, in denen vermehrt Infizierte gemeldet werden.

Der Beginn der möglichen zweiten Welle ist zuerst in den Dörfern um die katalanische Stadt Lleida zu verorten. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene haben zu dem Infektionsanstieg beigetragen. Jedoch zeigen sie oftmals keine Symptome. Durch die zum Teil wiedergeöffneten Diskotheken und sogenannten Botellones2Dabei treffen sich die Jugendlichen in Gruppen, um gemeinsam an öffentlichen Plätzen Alkohol zu konsumieren. konnte sich das Virus augenscheinlich schnell verbreiten.

Anfang Juli veranlasste der katalanische Präsident Quim Torra eine Quarantäne für die rund 200 000 Personen in dem Gebiet rund um Lleida. Nur der Weg zur Arbeit war erlaubt. Diese Entscheidung hatte eine kurze Konfrontation mit dem spanischen Staat zur Folge: Ein Richter entschied, dass Torra nicht über die Kompetenzen verfüge eine regionale Quarantäne zu verordnen. Der Präsident veranlasste es trotzdem per Dekret.

Nachdem die Zahlen Anfang Juli gestiegen waren, entschieden die ersten Regionen, darunter Katalonien und Aragón, eine Maskenpflicht einzuführen. Die Region Madrid, einst am stärksten von der Pandemie in Spanien betroffen, will vorerst keine ausnahmslose Maskenpflicht einführen, wobei das Tragen einer Maske nach wie vor Pflicht ist, sofern der Sicherheitsabstand von zwei Metern in der Öffentlichkeit nicht eingehalten werden kann. In geschlossenen Räumen wie Geschäften oder Ämtern gilt ebenfalls Maskenpflicht in ganz Spanien.

Vom Land in die Stadt

Mittlerweile hat sich die Lage in Lleida stabilisert, doch Katalonien zählt weiterhin um die tausend Neuinfektionen pro Tag. Nun ist vor allem die Hauptstadt Barcelona betroffen, in der man sich, Beobachtungen zufolge, zu Beginn weniger an die Maskenpflicht hielt. Besonders Bars und Restaurants spüren nun aber auch die erneuten Verschärfungen der Auflagen: Die Anzahl der erlaubten Gäste in den Gebäuden und auf den Terrassen wurde wieder verkleinert.

Auch in Barcelona will niemand leichtsinnig mit dem Wort “confinamiento” umgehen. Bürgermeisterin Ada Colau (En Comú Podem) sprach vor wenigen Tagen davon, dass man im Moment keine totale Ausganssperre plant. Vielmehr gelte es, durch kleine Schritte zurück eine Ausbreitung des Virus verhindert. Doch ausgeschlossen werde eine Abriegelung der Stadt nicht, so Colau.

Katalonien war neben der Region Madrid bisher am stärksten von der Pandemie betroffen. Nach eigenen Angaben kam es zu rund 87 000 Infizierten und 12 674 Todesfällen. Ein Viertel davon kam in Altenheimen ums Leben.

Im Süden nichts Neues

Während in Aragón und Katalonien die ersten Schritte rückwärts veranlasst wurden, zeigt sich die Situation in Andalusien entspannt. Auch hier hatte die Junta bereits in der letzten Woche eine umfassende Maskenpflicht beschlossen, die seit dem 15. Juli gilt. Beobachtungen zufolge, scheint man sich dort den neuen Verordnung zu fügen – trotz der Temperaturen über 40 Grad.

Nichtsdestotrotz besteht noch kein Grund zum Optimismus im Süden Spaniens. Die aktuelle Situation wird größtenteils dadurch begünstigt, dass der Hochsommer in diesem Teil des Landes traditionell eher ruhig bleibt. Zudem konnten sich viele gastronomische Betriebe nicht durch die erste Corona-Welle retten. Alleine in Sevilla mussten mehr als 500 Bars schließen. Die Zahlen vom vergangenen Wochenende zeigen zudem, dass gerade in den Provinzen Córdoba, Granada und Almería ein weiterer starker Anstieg der Infizierten zu verzeichnen ist.

In Andalusien ist die Situation bisher entspannt
Malte Schrüfer/Alerta

In Córdoba wurde beispielsweise die Abschlussfeier einer Privatschule aufgelöst, welche zu mehr als 100 neuen Infektion geführt haben soll. Ein weiteres gravierendes Problem stellt die inoffizielle Landarbeit dar. Die teils illegalen Immigranten werden vor allem in der Provinz Almería seit Jahren von den dort ansässigen Bauern als billige Tagelöhner missbraucht. Dies scheint sich auch in Zeiten von Covid nicht zu ändern. In der östlichsten Provinz Andalusiens zählt man in den vergangenen 14 Tagen 334 Neuinfektionen.

Interessant wird der Oktober, da dieser als Hauptreisezeit gilt. Die Temperaturen sinken meistens wieder auf rund 30 Grad und vor allem der Kulturtourismus in den großen Städten Sevilla, Córdoba und Granada erreicht dann seinen Höhepunkt. Es bleibt abzuwarten, ob dieser auch dieses Jahr so stark ausgeprägt sein wird und ob die Kulturstätten überhaupt öffnen können.